Writer: CfFaust
Maler: Berthold Faust
Sprayer: Unbekannt

Ich kann es jetzt verstehen, warum du dich wie eine Eule in die Einsamkeit zurückgezogen hast. Mag sein, dass der Vergleich ein wenig platt ist. Eule und Einsamkeit. Verrückt wie das schöne und geheimnisvolle Tier zum Modeobjekt geworden ist. Ein Schmuckstück, dass sich die Menschen um den Hals hängen, obwohl sie noch nie in ihrem Leben eine Eule im Wald wirklich mit eigenen Augen gesehen haben. Ich denke der Boom der Eule als Schmuckstück kam gleichzeitig mit dem Boom dieser großen Brillen. Eulen-Brillen. Es ist wie die Szene in Rocky, wo Rocky seiner geliebten Adrian die Brille abzieht und man verblüfft ist, wie hübsch diese Frau ist. Die doch sonst nur wie eine komische Eule in diesem Tiergeschäft hinter der Theke zu verkümmern scheint. Ich denke jede Frau, die eine solche Brille trägt, ersehnt tief im Herzen diesen Moment des Brille-Ausziehens. Des Aus-Der-Haut-Fahrens, des Schönheit-Zelebrierens, des Emanzipationsgedankens, des ich Lese-Gerne-Aber-Ich-Bin-Schön-Momentes. Des Zum-Jäger-Werdens dieser grauen Maus, die sich danach sehnt, erkannt zu werden. Die großen Augen der Eule werden mit Bildung assoziiert. Minerva war die Göttin der Weisheit, also Athene, und die Eule galt ihr als heiligstes Tier. Oder irgendwie so. Da haben wir es mal wieder. Deine Einsamkeit also zu etwas Göttlichen inszeniert. Es muss jetzt kommen. Die Gretchen-Frage. Die schreibende Faust stellt der malenden Faust die berühmte Frage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Ich begreife es bis heute nicht, wie sich deine Töchter über diese Frage entzweien konnten. Entdreien. Und so schnell wandert man bei der Betrachtung einer Eule von Goethe zu Lessing. Denn die Ringparabel musst du doch gekannt haben! Hast du sie um die Wette philosophieren und theologisieren lassen? Wie schnell ich mich an dieser Stelle selbstzensiere. Über die Lebenden sollte man schweigen, über die Toten soll ich nur weinen? Nein! Ich muss mit dir ins Streitgespräch treten durch diese Geschichten. Ich kann doch nicht von Minerva schreiben und dann die Klappe halten? Wie oft schon habe ich mich zwischen die Fronten geworfen. Oder war das eben der Grund für die Einsamkeit? Hast du dich dein Leben lang wie ein Raubtier zwischen die Fronten geschmissen und hast dich dann kraftlos in den Wald zurückgezogen? Den Beobachter von oben gespielt der weise und leise auf das Spiel unter ihm blickt? Ich könnte da richtig liegen. Es gibt sogar einen Streit um dein Krankheitsbild. Demenz ja oder nein lautet die Streitfrage. Verrückt wie man sich über den Namen einer Krankheit streiten kann. Spielt es denn eine Rolle? Krank warst du. Bettlägerig. Fast blind. Und deine Geschichten haben sich immer wiederholt. Wie in einer Endlosschleife. Mit kreativen Ausschmückungen natürlich. Je nach Laune hatte deine Geschichte aus der Erinnerung einen anderen Ausgang. Aber laut Test hattest du keine Demenz. Ich bin kein Mediziner. Kein Psychologe. Und tatsächlich warst du so ein guter Schauspieler, dass wir dir alle zutrauten, einen Teil deiner Krankheit zu simulieren. Vielleicht nicht bewusst. Wie das eine Mal als du nicht zur Hochzeit deiner Tochter kamst, weil du angeblich einen Herzinfarkt hattest. Ich denke da liegt die Wahrheit wie immer in der Mitte. Ich denke du beherrschtest die Stanislawski Methode so gut, dass du tatsächlich einen Herzinfarkt bekommen konntest. Du lebtest deine Rolle des stummen und weisen Beobachters. Und dein Blick sagte es. Du hast alles um dich herum deuten können. Bis in die tiefsten Seelenabgründe. Und dennoch hast du geschwiegen. Wie diese Eule hier.