Ich hab noch nie einen Rothirsch mit so einem mächtigen Geweih gesehen. Ich meine in der freien Natur. Einmal war ich in Frankfurt in Preungesheim im Feld spazieren und da ist ein Reh an mir vorbei galoppiert, es muss von irgendetwas verschreckt worden sein. Ich hatte damals mal wieder einen meiner emotionalen Verdauungsspaziergänge gemacht, wo ich irgendeine Entscheidung treffen musste. Da habe ich das verwirrte Reh natürlich als ein Zeichen gelesen. Nur für was – das weiß ich nicht mehr. Aber Rehe im Rhein Main Gebiet? Dann noch mit solch einem stolzen Geweih? Das kenne ich nur von Straßenwarnschildern an Landstraßen. Die Art und Weise wie der Hirsch hier diese Hauswand in Mainz-Kastel schmückt erinnert mich an Jagdtrophäen die in urigen Wirtshäusern hängen. Das Geweih eines Tieres als „Schmuck“. Ich mag die Formulierungen die du in „Wunderland am Wegesrand“ wählst: „Mit dem Beginn des Menschseins tritt, wie ein Schatten, die Eitelkeit hervor.“ Das Geweih eines Hirsches ist Symbol der Stärke des Menschen der Natur gegenüber. Big News. Aber hier als Graffiti auf einer Wand, zur Verschönerung eines Stadtteils, der an ein Industriegebiet grenzt, das ist eine neue Wende! Jetzt wohnt man in Mainz-Kastel nicht mehr neben Beate Uhse, sondern dort, wo die Graffitis sind. Da, wo der große stolze Hirsch zwischen den Fenstern über uns Wacht. Und einen kleinen Wald hat er auch hinter sich. Ich finde das spricht für sich. Er schaut dort auf den kleinen Bahnhof am Brückenkopf, ein Knotenpunkt wo alle wegen von Mainz und Wiesbaden zusammenlaufen. Bahnhöfe strahlen eine Faszination aus, die jede Wissenschaft und Kunstrichtung schon für sich aufgearbeitet hat. Es ist ein Ort, an dem man seine Vergangenheit abschreiten kann, ein Ort wo man zum Flaneur wird, und das ohne Walter Benjamin gelesen zu haben. Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen zu wandern, neues zu entdecken und altes dann wieder zu verarbeiten. Im Modus des Flanierens natürlich. In deinem Buch fragst du dich: „Was mögen das für Wege gewesen sein“ die unsere steinzeitlichen Vorfahren bewanderten? Dann beschreibst du die Salzstraßen, die Seidenstraße und schließlich die Römerstraßen. Es gefällt mir, wie du mit dem Mythos der „grauen Vorzeit“ aufräumst denn die Natur war schon in der Steinzeit vielfältig und bunt und der Mensch begann früh sich globale Wege zu erwandern. Grau wurde es auf der Welt dann erst durch die Städte. Industrialisierung, Urbanisierung und noch mehr Wörter mit „ierung“ am Ende, die alle einen technischen Fortschritt erbrachten, der für die Natur einen Rückschritt nach dem Nächsten mitbrachte. So schreibe ich mir jedenfalls meinen Mythos zusammen. Aber das ändert sich. Dieses Graffiti ist der Beweis dafür. Die Evolution des Graffiti führte zur Natur. Ist das nicht schön? Vom Vandalismus hin zu ausgearbeiteten Wandgemälden hin zu naturalistischen Tierzeichnungen. Das hätte dir gefallen.