science trash: Youtube-Stars und die Erlebnisgesellschaft

Neulich habe ich gegoogelt was eigentlich ein Youtube-Star ist. Wikipedia erklärt es nicht. Zum Glück hat Jan Böhmermann zu diesem Thema ein grandioses Video gemacht. Darüber habe ich nachgesinnt und ein kurzes Throw Up angefertigt.
Authentizität Authentizität Authentizität
Das ist Böhmermanns Schlussfolgerung für den Erfolg der Youtubestars und auch wenn ich ein großer Fan dieses Wortes bin, da es eine Realness beschreibt, die meiner HipHop-Seele ihr Selbstverständnis verleiht (spricht man das Wort dreimal hintereinander so wie es Böhmermann tut, ist das Sprechkunst – Rap), kann ich mich doch nicht ganz damit zufrieden geben. Ich schaue mir Schminkvideos und Raumgestaltungsvideos an und bin überrascht, wie viel Werbung darin enthalten ist. Es scheint Hauptmotivation des Videos zu sein, mit Werbung Geld zu verdienen, das ist alles andere als real. Dann schaue ich irgendwelchen Gamern beim zocken zu, ohne dass ich selbst spiele und muss an Flashmobs denken – so viel Spaßenergie die im Nichts verpufft. Es scheint nur um die lustigen Kommentare zu gehen, die die Gamer dabei äußern. Kommentar ist alles. Kommunikation ist alles. Politik ist langweilig, aber wenn sie jemand genial komisch kommentiert, ist sie erfolgreich. Wenn man alleine vorm PC sitzt und jemand das Spiel dabei kommentiert, fühlt man sich nicht mehr einsam. Kommentiert man ein Video, tritt man in Kontakt mit einer Community, man identifiziert sich mit einem bestimmten Thema und entwickelt ein individuelles Lebensgefühl passend zu der Zielgruppe die ihre Einsamkeit vor dem PC gemeinsam hat: „Individualisierung als moderne Bedingung von Gemeinsamkeit.“ Mit diesem Zitat von Gerhard Schulze möchte ich die Youtubestars und ihre Fans in Verbindung mit dem von dem Soziologen 1992 verfassten Werk der Erlebnisgesellschaft in Verbindung setzen. Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich eine immer mehr ansteigende Vermehrung der Handlungsmöglichkeiten. Man kann alles machen, man kann alles kaufen, man kann alles denken – diese unbegrenzten Möglichkeiten haben jedoch sofort auch eine Unsicherheit und Orientierungslosigkeit zur Folge – was soll ich denn machen, was soll ich kaufen, was soll ich denken? Schulze sagt: „Innenorientierte Lebensauffassungen, die das Subjekt selbst ins Zentrum des Denkens und Handelns stellen, haben außenorientierte Lebensauffassungen verdrängt. (…) Typisch für Menschen unserer Kultur ist das Projekt des schönen Lebens. (…) Erlebnisrationalität, die Funktionalisierung der äußeren Umstände für das Innenleben.“ Alles Alltägliche muss ein Ereignis sein und inszeniert sein um das eigene innere Wohl zu verbessern. Man kauft sich nicht einen Pullover weil man ihn für den Winter braucht, man kauft sich fünf verschiedene Pullover, weil man individuell und gut aussehen will. Man kauft sich Möbel nicht nur weil man sie braucht, sondern weil sie den eigenen Livestyle ausdrücken sollen um das innere Lebensgefühl zu verbessern. Dabei gibt es so viel Auswahl, zum Glück gibt es da Youtube-Stars die einem empfehlen, was man wo kaufen soll. So fühlt man sich in seinem Lebensstil bestätigt und kann dies danach in der Community teilen und dadurch seine Individualität für sich und für andere verifizieren. Man traut diesen Beratern, weil man sofort erkennt, dass sie keine professionellen Schauspieler/Sprecher oder Moderatoren sind. Schnitt, Kameraführung oder Kulisse sollen durch mangelnde Professionalität implizieren, dass hier keine Werbung fürs Fernsehen gedreht wird, sondern dass hier private Menschen – mit denen man sich identifizieren und kommunizieren kann – in der Öffentlichkeit ganz privat werden und der Menschheit ihre Geheimtipps verraten.