16Gedicht: W. Müller
Text: CfFaust
Collage: CfFaust
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16. Letzte Hoffnung

Liebe meine letzte Hoffnung? Nee. Dann lieber am Lindenbaum abhängen. Liebe, nette Story. Kino is geil. Aber im real life, nee lass mal. Liebe is episch. Klar. Aber jeder zweite Teil is scheiße. Langweilig. Unrealistisch. Mythos. Vom Optimist geschaffen. Vom Idiot vergöttert. Kirchen leer; Dating-Apps boomen. Liebesgott, Amen. Dinner and a Movie. Wie zur Kommunion gehen. Erster Sex, erste Hostie. Lovesongs runterbeten. Dann die Orte. Kann nich mehr durch die Stadt hier. Is überall ein Ort, der ner Ex von mir gehört. Anstrengend is das. Heiliges Land. Keine Gasse mehr sicher. Krass, wie die alle hier immer so nem Kerl hinterher jammern. Jagen wie die Steinzeitmenschen. Und dann merken se irgendwann, dass se sich selbst hinterherrennen. Geilen sich am Liebesmist auf. Fuck man. Suche Spiegelbild. Kann nur in die Hose gehen. Glaub schon an so‘n Happy End. Nur nich für mich. Glaub ans Wort. Wort Liebe. Hat ne krasse Macht. Hab so ne Art Wortglaube. Wort ist Kunst. Also mein Mythos, die Kunst. Der schreib ich Gebete, der sing ich Lieder, der bau ich Altäre, mit der treib ich’s bis zur Besinnungslosigkeit. Und das Eine, is für mich ein Blatt. Da häng ich meine Hoffnung dran. Zuerst isses leer. Rein wie die Jungfrau Maria. Dann schmier ich wild drauf rum, verschandle es mit Notizen. So lange, bis ich den Überblick verlier. Dann brauch ich‘n neues Blatt. Da muss dann mehr Ordnung her. Doch auch das scheint bald unbrauchbar. Erst wenn ich den Stift aus der Hand leg und das Schreiben meinen zehn Fingern überlasse, erst dann krieg ich Ordnung. Formatierte Ordnung. Style. Dann kommen die Versionen. Dann geht’s los. Korrigieren, besser werden. Dem Einen näher kommen. Ist ne lange Suche. Komisch, das zu arrangieren. Irgendwie abgehakt, irgendwie schräg. Aber ist ne Arbeit in Dur. Aber verdammt schwierig. Ist so viel einfacher etwas Neues anzufangen anstatt an dem Alten weiterzuarbeiten. Aber das erste Blatt, das verschmierte, das is immer das Wichtigste. Egal wie‘s aussieht. Rissig, verschmiert, verknittert, scheißegal. Kriegt immer nen Sonderplatz. Im Poesiealbum. Denn beschriebene Blätter wirft man nicht einfach so weg. Man hebt sie auf. Versteht sich von selbst. Da sind sie. Egal wie zerrissen, egal wie veraltet, sie liegen da. Erzählen von Hoffnung. Hoffnung in Dur. Nur wenn ich es dann jemandem zeige. Das Blatt. Dann wird’s hart. Da braucht man Vertrauen. Weil wenn‘s dann zu Boden fällt, dann fall ich selber. Dann geht’s in den Abgrund. Aber so richtig. Dann stirbt meine Hoffnung. Und der Tod ist mir kein unbeschriebenes Blatt. Scheiße Mann. Hält nicht lang an diese Hoffnung. Ist nur so ne kurze Phase innem Endlos-Depribuch. Wie’n kurzes Kapitel. Und der Leiermann, der blättert mechanisch um. Und kritzelt: „Glaube Mythos Kunst“.