IMG_7927Text: CfFaust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 29

Eigentlich, verlasse ich meine Stadt nie. Ich mag meine Stadt. Ich fühle mich in ihr sehr sicher. Ja, ich fühle mich in meiner Stadt sehr sicher. Denn es fühlt sich für mich immer so an, als ob die Stadt mich umfasst. Es gibt ja auch noch die alte Stadtmauer, die von den Römern gebaut wurde. Das finde ich toll. In einer Stadt zu leben, wo die Römer sich schon sicher gefühlt haben. Also ich denke zumindest, dass sie sich sicher gefühlt haben, wenn ich mir so die Reste der Mauer anschauen gehe. Ich fühle mich jedenfalls wohl. Obwohl sich die Stadt ja ausgeweitet hat. Obwohl die Stadtmauer ja nicht mehr richtig da ist. Obwohl sie ja, wenn sie ganz da wäre, hier wo ich jetzt bin, mich gar nicht mehr schützen könnte. Trotzdem fühle ich mich sicher. Wegen der Mauer. Und ein bisschen bin ich den Römern auch dankbar dafür. Dass sie die Stadt so sicher gemacht haben. Für mich. Ich denke, das macht die Stadt aus. Das Sicherheitsgefühl. Wenn ich an die Römer denke, dann denke ich an Mainz. Wenn ich an Mainz denke, dann denke ich an die Römer. Mehr Gefühle kann ich dann aber nicht aufbringen, für die Römer. Ich denke im Grunde haben sie genau die gleichen Gedanken gehabt wie wir heute. Nämlich, dass man sich in einer Stadt sicher fühlen sollte. Ich weiß gar nicht, ob ich hier auf einer römischen Mauer gemalt bin. Ich glaube leider nicht. Das wäre schön. Wenn ich auf einer echten römischen Mauer gemalt wäre. Es gibt da ja auch das römische Theater. Das wäre einfach schön, wenn ich da auf so einem Römerstein sein könnte. Dann könnte ich mal ein bisschen Theater spielen. Denen würde ich etwas vorspielen. Da würden die aber gucken. Ich auf so einem Römerstein. Mensch wäre ich da wichtig. Aber jetzt ist es mal genug mit den Römersteinen. Die sind ja überall in Mainz. Die kriegt man ja bei jeder Stadtführung unter die Nase gerieben. Das finde ich schrecklich unfair. Mir schenken die Touristen keine Beachtung. Das finde ich wirklich unfair. Wie mit Scheuklappen laufen sie an mir vorbei, so als ob ich gar nicht existierte. Dabei bin ich ja hier, und das schon ziemlich lange. Also bin ich ja irgendwie auch Stadtgeschichte. Und noch dazu bin ich sogar ein richtiger Augenzeuge. Was ich alles Tag für Tag so sehe von Mainz. Ich kriege ja alles live mit. Dagegen würde jeder Römer doof aus der Wäsche gucken. So ein Römer ist ja auch kaum noch zu finden hier. Manchmal da trifft man einen echten Römer. Der verkauft dann tolle Pizza. Der hätte auch was zu erzählen von Mainz. Aber weder wird der gefragt, noch ich. Stattdessen zeigt man stumme Steine. Stumme Römersteine. Naja, wen es interessiert. Bitte. Ich meine ja nur, so ein bisschen würde so eine Führung ja aufgelockert. Wenn man da sagen würde, so und jetzt legen wir alle den Römerstein mal wieder auf den Boden, und schauen mal nach rechts auf die Wand, da ist nämlich das traurige Mädchen aus Mainz, die berühmteste historische Kunstfigur der Stadt. Das wäre mal ein Fest. Ich. Eine Kunstfigur. Und dann auch noch eine berühmte. Manchmal, da wünschte ich, ich wäre Römer. Wenn ich einen Helm aufhätte. So einen mit einem roten Schweif. Oder meinetwegen auch eine Rüstung. Wobei ich dazu eigentlich ein bisschen zu eitel wäre. Ich mag meine Kleidchen immer ganz gerne. So ein Mädchen in Rüstung, das will doch niemand sehen. Naja. Aber Römerin mit Helm. Das wäre schon schön. Dann würden mich die Touristen vielleicht anders angucken. Es sind ja vor allem die Touristen, die mich ignorieren. Die kommen da mit so einem Anspruch hierher und wollen die große Kultur präsentiert bekommen. Römer, heißt es dann gleich. Auf zur Zitadelle. Was auf den Wänden dann so ist, das wird ausgeblendet. Aber dass auf den Wänden vielleicht das steht, was eine Stadt aktuell ausmacht. Das kapiert man nicht. Als Tourist. Ich mag Touristen nicht. Rennen da zur Synagoge, ohne mal in die Nebenstraßen zu schauen, wo ich bin. Rennen da richtig an mir vorbei, unter dem Motto, erst vor der Synagoge Informationen aufnehmen, bloß nicht zuvor nach links oder rechts Blicke verschwenden. Noch schlimmer ist dieses Bähnchen. Kutschiert da brav die Leute die Hauptstraßen entlang, als ob Mainz nur aus Hauptstraßen bestünde. Und dann natürlich bitte auch nur zur Synagoge. Der hintere Teil der Neustadt ist nicht schön genug. Nicht repräsentationswert. Man sollte mal in Mombach auf ein Haus „hier war Goethe“ schreiben. Da würde das Bähnchen aber hingetuckert kommen. Nach Mombach. Und zwar im Sauseschritt. Aber man geht eben sorgsam um mit seinen Touristen. Oft schnappe ich ja Gespräche auf aus denen klar wird, dass die Leuten wegen dem Gutenberg hergekommen sind. Das ist dann schon schön. Aber meistens wollen die ihre Kinder dann nur zum Drucken schicken. Das Museum wird dann ausgespart. Einmal hab ich dann aber mal gehört, wie eine Frau doch etwas von der Museumsführung mitbekommen hat. Die erzählte dann ganz stolz, dass der Gutenberg gerne Gänsefleisch gegessen hat. Da will ich dann manchmal am liebsten laut losprusten vor Lachen. Weil die so dämlich sind. Die Touristen. Aber dann denke ich mir, vielleicht war die Frau den ganzen Tag auf den Beinen. Ist von den Chagall- Fenstern zur Zitadelle geschleift worden, dann durch die Altstadt zum Dom, über das Fischtor zum Rhein und dann vor bis zur Christuskirche, brav dann auch zur Synagoge, wieder zurück zur Kaiserstraße, schließlich zur Boppstraße um dann endlich zur Römerpassage zu finden, und ganz stolz mit den Römern im Rücken zur Ludwigsstraße zu finden und auch noch vor dem Fastnachtsbrunnen einen Kaffee zu trinken. Wenn da noch Zeit war für das Gutenbergmuseum zwischendrin, na dann Hut ab. Da würde mir Gensfleisch auch besser schmecken. Und ich muss ja auch groß reden hier. Ich bleib ja fast immer in Mainz. Ich war glaube ich noch nie richtiger Tourist. Das wäre so schön. Mal woanders zu sein. Zu Hamburg habe ich so eine Verbindung. In Hamburg habe ich viele Freunde. Aber ich kann hier nicht wirklich etwas über Hamburg sagen. Ich denke, ich gehöre dort nicht wirklich hin. Nach Hamburg meine ich. Ich denke, ich gehöre nicht nach Hamburg. Römer waren da sicher auch, aber diese Sicherheit, die ich hier fühle, die kann ich ja nur hier fühlen. Weil ich ja hier bin. Weil ich hier bin, hier war und hier immer sein werde. Es sei denn, es kommt da so ein Idiot, der mich übermalt, oder noch viel schlimmer, mich abwäscht. Da wird dann eine Säuberung durchgeführt, die mich wirklich verletzt. Da werde ich dann einfach so ausgelöscht. Man stelle sich mal vor, was da passiert mit Wänden, die gesäubert werden. Die werden ihrer Erinnerungen beraubt. Wer weiß, vielleicht gab es bei den Römern auch schon solche Figuren wie mich an den Wänden. Aber heute weiß man es eben nicht mehr, weil es damals auch schon diese Säuberungsidioten gegeben hat. Oder es ist alles mit der Zeit abgebröckelt. Das passiert mir ja auch manchmal. Wie in der Wallaustraße. Oder aber ich werde ganz abgerissen. Wie am Holzhof. Da bin ich bestimmt nicht mehr lange. Ich versuche schon die ganze Zeit da wegzukommen. Das ist so eine gefährliche Stelle für mich. Aber dann denke ich mir, wenn ich nicht hierbleibe, dann traut sich niemand hierzubleiben. Dann ist es so ein stiller Prozess. Mein Bleiben ist dann so eine Form von stillem Protest. So wie manche sich an Bäume ketten, damit sie nicht abgerissen werden, so kette ich mich eben an Wände. Manchmal gewinne ich, meistens die anderen. Aber das habe ich ja sowieso schon gesagt, dass es dafür ja zum Glück diese Fotos hier gibt. Das habe ich den Römern übrigens auch voraus. Ich kann ein Foto von mir machen. Da bringt dem Römer sein Schwert rein gar nichts. Ich denke, ich messe mich ein wenig mit den Römern. Ich denke, so insgeheim gibt es da so eine Zweiteilung in der Stadt. Auf der einen Seite, da herrschen die Römer, auf der anderen Seite, da herrsche ich. Und hier in der Neustadt, da hatten die Römer nichts zu suchen. Hier herrsche ich. Das ist mein Revier hier. Dagegen traue ich mich nicht so ganz in ihr Gebiet. Das muss ich mir schon eingestehen, dass die Zweiteilung nicht ganz freiwillig vonstattengegangen ist. Die Römer waren ja schon die Ersten, die waren ja schon vor mir da. Da musste ich ja in den anderen Teil der Stadt ausweichen. Aber hier fühle ich mich auch wohler. Hier sind die Menschen nicht so streng mit mir. Bei dem Römerteil, da gucken die immer ganz genau, wer da wo auf welche Hauswand gemalt hat. Der Römerteil muss ja auch für die Touristen sauber gehalten werden. Da muss ja für die Touristen nach dem Scheuklappenprinzip geplant werden. Bloß keine Ablenkung von Leuten wie mir. Das ist es nämlich, was ich für sie bin. Ablenkung von den Römern. Ich stehle den Römern die Show. Das sollten die doofen Touristen endlich einsehen. Ich mag keine Touristen. Oh wie gerne würde ich mal Römersteine einer anderen Stadt kennenlernen