image001Text: CfFaust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 26

Ich bin froh, dass ich überstrichen wurde. Denn meine Show war damals wirklich schlecht. Ich wollte super sein. Ein richtiges Talent wollte ich sein. Dafür musste ich mich zum Hampelmann machen. Ich bekam ein buntes Oberteil an. Es war nicht das Kostüm eines Clowns. Ich wäre lieber ein Clown gewesen. Sich als Clown zu verkleiden, bedeutet, dem Zuschauer zu signalisieren, dass er bespaßt wird. Clown-Sein ist ein ehrbarer Beruf. Ich war kein Clown in dieser Show. Ich war eine Lachnummer. Mein buntes Oberteil sah lächerlich aus. Nicht gewollt lustig. Gewollt jung sollte ich aussehen. Und damit gab ich ein jämmerliches Bild ab. Meine Haare wurden ganz lockig geföhnt. Das war einfach nicht altersgemäß. Ich sollte als alte Frau respektiert werden. Es sollte eine Altersbeschränkung geben. Für solche Shows. Um alte Menschen zu schützen. Vielleicht auch ein bisschen vor sich selbst. Ich wurde nicht geschützt. Man ließ mich auftreten. Man freute sich auf meinen Auftritt. Man wusste, dass ich mich blamieren würde. Man wusste, dass die Menschen mich sehen wollten, wie sie jemanden sehen wollten, der sich blamiert. Es gab dann auch eine Jury. Eine die meinen Auftritt bewerten sollte. Es war klar, dass ich nichts gewinnen würde. Die Jury war nur zur Unterhaltung da. Das Bewerten war reine Unterhaltung. Die Menschen lieben Unterhaltung. Unterhaltung ist einfach. Sie verkauft sich gut. Sie muss nicht hinterfragt werden. Unterhaltung kann ganz schön gefährlich sein. Ich wollte tanzen. Nannte es Freestyle. Denn ich konnte ja nicht tanzen. Ich dachte, wenn ich es Freestyle nenne, dann habe ich bessere Chancen. Ich wollte ja doch zeigen, dass ich etwas Besonderes bin. Denn ich wurde immer nur als alt abgestempelt. Ich wollte zeigen, dass ich mehr konnte, als nur Alt-Sein. Als ich auf die Bühne ging, fing die Jury an zu lachen. Das Publikum nicht. Das Publikum ist eine Herde. Sie wartet immer erst die Reaktion der Führer ab. Die Herde ist sehr brav. Denn die Herde tut immer das, was man von ihr verlangt. Nachdem die Jury angefangen hatte zu lachen, lachte auch die Herde. Einer, der in der Jury saß, gab mir direkt eine schlechte Bewertung. Dabei hatte ich noch gar nicht angefangen zu tanzen. Das war sehr gemein. Ich trat dort auf, um für das Tanzen bewertet zu werden. Und dann bewertete er mich schon, bevor ich eigentlich tanzte. Er bewertete also mein Aussehen. Seine schlechte Bewertung bewertete mich. Nicht meine Kunst. Hätte er meine Kunst schlecht bewertet, wäre ich nicht so beschämt gewesen. So, bewertete er mich als Menschen. Aber irgendwie fühlte ich mich nicht mehr so als Mensch in dem Moment. Es war mir auf einmal alles sehr peinlich. Ich hatte doch Talent. Ich wollte doch zeigen, wie super ich war. Und dann wird man da so abfällig behandelt. Der andere in der Jury bekam einen Lachanfall. Er konnte sich nicht mehr halten vor Lachen. Er lachte über mich. Aber einer in der Jury war ganz nett. Er sagte, ich sollte doch erst einmal anfangen. Mich vorstellen und so. Und als ich dann sagte, wie alt ich bin, da prustete der eine wieder los. Vor Lachen prustete er wieder los. Ich bin sehr alt. Aber ich weiß nicht, was daran so lustig ist. Vielleicht fand er lustig, dass ich in meinem Alter noch tanzte. Aber ich fand doch, dass ich das gut konnte. Und sie suchten doch Leute, die etwas gut konnten. Auf einmal war ich richtig verletzt. Das ganze Publikum lachte. Sie lachten wegen der Jury. Weil die so gemein über mich lachte. Es fühlte sich an, als ob ich mit Dreck beworfen würde. Und ich fragte mich, warum die anderen Leute das mit ansehen konnten. Ich denke, sie wollten sehen, wie ich mich da blamiere. Ich denke, sie fanden es toll, wie ich mich da zum Affen machte. Ich denke, man hätte mich davor schützen sollen. Ich bin sehr einsam. Ich mache das Ganze hier, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich habe ja auch Aufmerksamkeit bekommen. Aber eine sehr unwürdige Art von Aufmerksamkeit. Ich denke nicht, dass ich mich noch einmal in der Öffentlichkeit sehen lassen kann. Auch meine Familie habe ich damit blamiert. Es tut mir so leid für meine Familie. Ich glaube, ich habe getanzt. Ich weiß es nicht mehr genau. Es passierte alles wie in Trance. Die Jury lachte so sehr über mich, das Publikum lachte über mich und ich konnte nicht mehr raus aus der Situation. Auf einmal hatte ich Angst, dass sie schießen würden, wenn ich nicht tanzen würde. So fühlte sich das an. Als ob ich auf offener Bühne erschossen werden würde, wenn ich das Tanzen verweigern würde. Und so tanzte ich. Und die Menge lachte über mich. Lachte mich aus. Entwürdigte mich. Ich verstehe nicht, warum das erlaubt ist. Ich verstehe nicht, warum so etwas Menschenverachtendes erlaubt ist. Ich verstehe nicht, warum die Menschen das mitmachen. Ich verstehe nicht, warum die Menschen über diese Unterhaltung nicht reflektieren. Ich glaube nicht, dass man intelligent sein muss. Um kritisch zu sein, muss man nicht intelligent sein. Es war ja klar, dass bei der Show Leute wie ich auftreten sollten, nicht, weil sie eine Chance gehabt hätten, sondern weil sie unterhaltend waren. Ein wirkliches Talent unterhält nicht. Heute zumindest nicht. Eine Show läuft nicht gut, wenn nur Talente präsentiert werden. Manche Künstler, die dort auftraten, konnten wirklich etwas. Das musste ja auch sein. Man konnte ja nicht nur die schlechten Talente zeigen. Dabei gibt es doch so was gar nicht. Ein schlechtes Talent. Die Jury war manchmal ganz ergriffen, wenn ein gutes Talent da war. Manchmal weinten welche in der Jury. So sehr ergriffen waren sie. Sie mussten ja zeigen, was für einfühlsame Menschen sie waren. Das ist mal ein Talent. Auf Knopfdruck zu weinen. Das kann ich nicht. Die in der Jury waren wirklich ganz echte Menschen. Denn wer einmal öffentlich weint, kann ja nur ein gutherziger Mensch sein. Aber neben dem Weinen, muss man auch was zum Lachen haben. Also muss man auch schlechte Talente zeigen. Das ist erfolgversprechend. Das Publikum lacht nicht von alleine. Das Publikum ist gut. Es ist unschuldig. Es ist ein Voyeur. Aber es ist nicht gemein. Man muss es führen. Ein Publikum muss man führen. Ein Publikum braucht Claqueure. Damit es weiß, wie es die Vorstellung fand. Wie soll man auch als Publikum wissen, wie man etwas findet. Da hilft so eine Jury schon. So ist das Konzept bei einem Wettbewerb. Mit so einer Jury ist es einfacher. Die sprechen dann für das Publikum. Da ist man ein bisschen entlastet als Publikum. Da kann man dann mal bisschen Verantwortung abgegeben. Wenn das dann bedeutet, dass die Jury die Macht hat, dann ist das eben so. Wenn dann in der Jury einer besonders laut lacht, hat der eben besonders viel Macht. Dann ist der eben der Führer. Und eine Herde braucht ja auch einen Führer. Es kam mir so vor, als ob die Menschen dort alle dazu erzogen wurden, mich auszulachen. Es war sehr gemein. Ich verstehe nicht ganz, warum man mich nicht davor bewahrt hat. Ich bin sehr alt. Und man sollte doch Respekt vor dem Alter haben. Der Mann in der Jury hatte keinen Respekt vor meinem Alter. Er hatte keinen Respekt vor mir als Menschen. Er hatte keinen Respekt vor meiner Würde. Er verdient Geld damit. Und das Publikum lässt ihn damit Geld verdienen. Denn niemand stoppte ihn. Alle ließen ihn machen. Niemand hielt ihn auf. Er der Tyrann, ich der Clown. Jedem das Seine.