image001Text: CF Faust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 20

Ganz selten kommt es vor, dass ich die Stadt verlasse. Manchmal, wenn mich meine Sorgen zu erdrücken scheinen, dann kommt es vor, dass ich die Stadt verlasse. Es gibt da nämlich so einen Trick. Wenn man Kummer hat, und dieser Kummer einen zu erdrücken scheint, dann muss man aus sich herausgehen, und seine Sorgen von außen betrachten. Das ist zwar einfach gesagt. Aber es funktioniert wirklich. Wenn man einfach im Kopf aus sich heraus geht. Natürlich geht man dann nicht wirklich aus sich heraus. Es ist ein gedachtes Herausgehen. Das will ich ja auch mal sehen, wenn da jemand wirklich ganz in echt aus sich heraus ginge. Man muss es sich so vorstellen. Man denkt sich seine Probleme zusammen. Man bündelt sie. Man packt alle seine Sorgen zu einem Bündel zusammen. So wie man ein Bündel Klamotten zum Waschen bringen will, so bündelt man seine Sorgen zu einem Knäuel zusammen. Jeans, T-Shirts, Socken, Krankheit, Liebeskummer, Zukunftsangst, alles in einem Knäuel. Zukunftsängste sind dabei mit den Socken vergleichbar. Beide sind existentiell notwendig, um sich gesund voran zu bewegen, und beide stinken gewaltig, sobald man sie zu lange mit sich herumträgt. Solche Vergleiche helfen ungemein, wenn man sich sein Sorgenbündel zusammenpackt. Ist es dann gepackt, das Sorgenbündel, dann muss man sich selbst daraus befreien. Das hat man ja schon getan, indem man es gepackt hat. Und dann muss man es einfach von außen betrachten, wie eine Kugel. Dann merkt man auf einmal, dass man es packen kann. Das Bündel. Man kann es packen. Es festhalten. Es hochheben, es tragen, es rollen. Und so weiter. Nur sollte man es nicht fallen lassen. Dann müsste man es wieder aufkehren und das kostet nur unnötige Kraft. Aber man könnte es einmal kurz abstellen, falls es zu schwer wird, oder es eben ein wenig rollen. Mal die ruhige Kugel schieben. Das hilft ungemein. Auf einmal, da katapultiert man sich aus den Sorgen heraus, und blickt das Bündel Sorgen von außen an. Und dann, sobald man nicht mehr Teil davon ist, geht es leichter im Leben. Dann kann man sich dem Leben wieder Stück für Stück nähern. Weil man ja aus der Distanz heraus seine Sorgen beobachtet hat, um dort Kraft zu schöpfen. Man hat jetzt gesehen, dass man das Bündel tragen kann, dass man es schaffen kann. Und mit einer gehörigen Portion Hoffnung klappt es dann auch. Deswegen komme ich hierher. Auf die andere Rheinseite. Denn hier drüben, da ist mein Lieblingsplatz. Von hier, hat man den schönsten Blick auf die Stadt. Ich bin ja immer in der Stadt. Ich bin dort. Ich bin Stadt. Also sind dort auch meine Sorgen. Wenn ich mich so analysiere, dann sind es immer Stadtsorgen, die mich beschäftigen. Die mich ängstigen. Die mich plagen. Die mich traurig stimmen. Zum Beispiel, ob ich bleiben darf, oder ob ich abgerissen werde. Oder es sind die Menschen, die ich beobachte, die mich traurig stimmen. Menschen, die traurig sind, Menschen, die auf der Straße schlafen, ohne dass es jemand außer mir sieht. Menschen, die alleine in Wohnungen sitzen, weil sie niemand besucht. Menschen, die keine Post bekommen, weil sie keinen Briefkasten haben. Solche Stadtsorgen trage ich täglich mit mir rum. Stadtsorgen bedrücken mich manchmal so schlimm, dass ich raus muss. Manchmal, da schnüren mir meine Sorgen geradezu die Luft ab, so, als ob mich Efeu überwuchern und ersticken will, sodass ich fliehen muss. Dann fliehe ich vor mir selbst und vor der Stadt. Ich fliehe vor den Stadtsorgen, den Sorgen dieser Stadt. Und hier drüben, auf der anderen Rheinseite, da kann ich dann immer auf diese Sorgen blicken. Wie auf das Bündel aus Klamotten. Wie auf das Bündel Sorgen. So blicke ich von hier aus auf das Stadtbündel. Und es hilft mir. Denn es ist ein wunderschöner Blick. Von hier sehen meine Stadtsorgen wunderschön aus. Weil ich sie mit meinem Blick umstreifen kann, die Stadt. Innerhalb der Stadt sehe ich nach einer Zeit nur noch die traurigen Dinge. Aber hier draußen, da wird mir bewusst, wie schön diese Stadt eigentlich ist. Und sie ist schön. Dann warte ich immer, bis die Sonne untergegangen ist. Dann ist es einfach traumhaft. Dann spiegeln sich die Lichter der Stadt im Wasser, im Dom flackert ein kleines Licht, so als poche das Herz der Stadt. Die Kuppel der Christuskirche, in magisches Türkis gehaucht, erinnert an Rom, und die Theodor-Heuss-Brücke spiegelt sich wie in einem romantischen Gemälde im Wasser. Die Möwen versammeln sich in dem Stahlgerüst der Brücke, flattern und schnattern, als wäre man im Süden und zusammen mit den Ratten, die am Ufer geschäftig von einem Pfeiler zum anderen huschen, und den Hasen, die auf den Wiesen in Scharen glücklich ihre Haken schlagen, fühlt man sich wie in Paris an der Seine. Einsame Angler, das leise Tuckern von Schiffen, verliebte Pärchen, und verirrte Flaschensammler. Hier aus der Ferne betrachtet, liegt die Stadt wie im Gemälde, ruhig wie im Traume, schön und zauberhaft, wie ein sorgenloses Kind, das schläft. Hier komme auch ich zur Ruhe. Hier ist mein Mainz, mein einziges Bündel.