IMG_7938Text: CF Faust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 19

Meine Mutter war immer alleine gewesen. Wer mein Vater ist, das weiß ich nicht. Ich kenne ihn nicht. Meine Mutter hat ihn natürlich gekannt. Aber er hat sie verlassen. Du kennst diese Geschichte. Du weißt, wie sehr ich darunter gelitten habe. Und doch, tust du mir dasselbe an. Auch du bist verschwunden. Einfach so. Von heute auf morgen, kehrtest du mir den Rücken zu und ließest mich alleine. So wie es mein Vater getan hat. Mein Vater, der meine Mutter und mich einfach so verlassen hat. Natürlich ist es etwas anderes. Ich bin nicht schwanger. Wir erwarten kein Kind. Du hast also nur mich verlassen. Und nicht mich und unser Kind. So wie es mein Vater getan hat. Ohne sich zu verabschieden, ohne sich zu erklären. Von heute auf morgen. Einfach so ist in ihm der Trennungsgedanke gewachsen, ohne dass meine Mutter etwas davon gespürt hatte. So hat sie es mir oft erzählt. Bei unseren gemeinsamen Spaziergängen im Wald. Ich liebte diese Spaziergänge mit meiner Mutter im Wald. Sie war eine tolle Frau. Ganz anders als ich. Füllig, ein wenig rund, bedeutete sie für mich Wärme und Geborgenheit. Ich vermisse ihre starken Arme und die Art, wie sie ihre Haarsträhnen zwirbelte. Sie hatte so wie ich Gefallen an Kleidern mit auffälligen bunten Mustern. Ich liebte diese Spaziergänge mit ihr. Wir redeten nie besonders viel miteinander aber sie gab mir an ihrer Seite immer Kraft. Auch sie gar nichts sagte. Ein Blick nur in ihre Augen und ich wusste, dass sie mich liebte. Sie war eine liebende Mutter. Eine, der man es ansah, dass sie ihr Kind liebte, ohne, dass sie es aussprechen musste. Wann immer ich ihr mein Leid klagte, über meinen Vater, der mich nie geliebt hatte, da er mich verlassen hatte, protestiere sie mit großen Fahnen für die Liebe. Sie rief „Liebe“. „Liebe, doch“. Und immer wenn ich an der Liebe zu zweifeln wagte, erinnerte sie mich immer wieder aufs Neue daran, dass es die Liebe gibt. Dass es die Liebe gab und dass es die Liebe immer geben wird. Oh Mutter. Wo bist du jetzt? Wir sehr ich dich nun brauche. Wie sehr ich nun deine Liebesfahne gebrauchen könnte. Du fehlst mir. Jetzt, wo du weg bist, und er mich verlassen hat, so wie mich auch mein Vater verlassen hat, wie soll ich da die Liebe nicht verurteilen? Ohne dich. Ohne dich, die mich daran erinnert, dass die Liebe da ist. Ich gehe spazieren. Ich gehe hier im Wald spazieren. Unser Wald. Unser Wald, in dem du immer für die Liebe gekämpft hast. Hier wandle ich. Alleine. Verlassen von der Liebe. Und erinnere mich doch an die Liebe, die du mir gabst. An die Liebe, die du gepredigt hast, an die Liebe, für die du gekämpft hast und an die du geglaubt hast. Die Liebe. Ich habe die Liebe verloren. Hier in diesem Wald finde ich sie wieder, bei der Erinnerung an dich. Bei der Erinnerung an meine Mutter. Da wird die Liebe immer sein. Denn hier hältst du die Liebe wie eine Fahne in die Luft. Stark ist sie. Siegreich. Und wie sie flattert. Die Liebe. Schau nur Mama, wie stark die Liebe hier flattert.