9001130954_07ea0a8b5e_zText: CFFaust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 18

Ich mag weiße Wände nicht. Wirklich. Ich mag sie einfach nicht. Sie engen mich ein. Ich kriege da manchmal richtig Beklemmungen. Wenn mich weiße Wände umgeben, bekomme ich Beklemmungen. Weiß kann richtig beklemmend sein. Ist ja auch gar keine richtige Farbe. Weiß. Ich finde, der Farbe Weiß, kann man ihren Status als Farbe aberkennen. So müsste man es machen. Weiß einfach nicht mehr als Farbe rechnen. Auf weißen Wänden Farbe, dass finde ich schön. Aber viele finden es nicht schön. Ich finde das eine ziemlich schwarz-weiße Sicht. Farbe auf weißen Wänden nicht schön zu finden. Schwarz-weiß-Denken ist das.

Es ist nicht nur langweilig. Es ist auch trist, traurig. Traurig ist das. So eine weiße Wand. Ich denke, Weiß ist eine einsame Farbe. Also wenn man jetzt mal sagen würde, dass Weiß eine Farbe ist, dann würde ich sagen, dass Weiß eine einsame Farbe ist. Wobei ja Weiß auch nicht immer nur Weiß ist. Weiß hat so viele verschiedene Farbtöne. Farbnuancen. Ich mag das Wort Farbnuancen sehr. Es ist sehr nett zu sagen, dass Weiß viele Farbnuancen haben kann. Grau ist dann wieder eine ganz andere Geschichte. Grau will ich hier gar nicht erst analysieren. Wo kämen wir denn da hin. Weiß ist ja schon interpretationsbedürftig genug. Ich denke, ich würde mir ein Gemälde in mein Zimmer hängen, das einfach nur weiß ist. Also scheinbar nur weiß. Mit weißen Farbnuancen, versteht sich. Das wäre mal Kunst. Ein weißes Bild. Dafür würde ich eine Million ausgeben. So viel wäre mir das wert. Weiße Farbnuancen wären mir sehr viel Wert. Aber eben nur auf einem Bild. Nicht an einer ganzen Wand. Weiß an einer Wand finde ich schrecklich. Weiße Wände finde ich schrecklich. Weiße Bilder haben dagegen etwas. Beton kann ich schon gar nicht leiden. Der ist manchmal so dunkelweiß, dass es eigentlich ein hässliches Grau ist. Dann bin ich froh, wenn da mal ein Farbklecks darauf gemalt ist. Farbkleckse auf Beton mag ich sehr gerne. Ich finde es ein bisschen schade, dass ich so oft auf Beton gemalt werde. Denn Beton schafft es ja leider nicht ins Museum. Es sei denn, es ist ein Stück Beton aus Berlin. Da muss man dann nur Mauerstück dazu sagen, und schon kommt es ins Museum. Mauer zum Mitnehmen. Komisch ist das. Wie da so entschieden wird über Beton. Manchmal ist er wertvoll, manchmal nicht. Ich verstehe da die Unterschiede nicht immer. Ich fände es toll, auch einmal in einem Museum zu landen. Also nehmen wir mal an, ich werde abgerissen, dann muss ich doch irgendwo hin. Ich habe große Angst davor, zerstückelt zu werden. Deshalb stelle ich mir immer gerne vor, dass meine Betonteile dann ins Museum kommen. Das beruhigt mich. Die Vorstellung, dass ich im Museum lande, wenn ich abgerissen werde, beruhigt mich. Aber wie das klingt. Wenn ich abgerissen werde. Wie soll man mich auch abreißen. Ich bin ja hier auf einem Brückenpfeiler. Wenn man mich abreißen würde, dann würde die Brücke einstürzen. Eher würde ich übermalt werden. Aber wenn ich übermalt werde, dann hoffe ich, dass ich mit viel Farbe übermalt werde. Hier bin ich ja nur in schwarz und weiß gemalt. Schwarz und Weiß auf Beton. Ich denke, wer auch immer mich hierhin gemalt hat, muss in einer tristen Phase gewesen sein. Da frage ich mich dann, was ich eigentlich dafür kann, dass der, der mich gemalt hat, in einer tristen Phase gemalt hat. Ganz schön schwarzweiß gedacht ist das. Hätte er mich bunter gemalt, wäre es ihm vielleicht auch besser gegangen. Aber ich will hier mal nicht so gemein sein. Schließlich verdanke ich es ihm ja, dass ich hier bin. Und ich bin ja auch schön. Schön und traurig. Schwarz und weiß. Das klingt jetzt ziemlich eingebildet. Das ich von mir sage, dass ich schön bin. Aber ich denke, hier unten, da darf ich das sagen. Hier unter der Brücke, da sieht mich ja kaum jemand. Ich stehe hier absolut nicht im Rampenlicht. Oben auf der Brücke, da würde ich von allen Autolichtern ziemlich stark im Rampenlicht stehen. Dort zu behaupten, dass ich schön bin, wäre sehr arrogant. Aber hier unten, da finde ich es in Ordnung, mal ein bisschen aus der Bescheidenheit herauszutreten. Ohne mich würde die Brücke ja auch nicht so schön halten. Ohne mich würde sie hässlich halten. Aber mit mir, hält sie eben richtig schön. Da kann die Brücke schon mal stolz sein. Ich muss aber auch sagen, dass ich mich hier unten wohler fühle. Hier unter der Brücke fühle ich mich sehr geschützt. Dort oben ist man ja allem Möglichen ausgesetzt. Die Autos, die da bei Stau im Schritttempo an mir vorbeifahren, sind immer ganz drängelig gelaunt. Jeder will da ganz schnell weg. Von der Brücke runter. Auf die Brücke rauf, um schnell wieder von der Brücke runterzukommen. Das ist immer ein ewiges Hin und Her. Da guckt keiner nach rechts oder links. Da gucken immer alle nur angestrengt oder gelangweilt geradeaus. Manchmal, da kann man auch gar nicht nach rechts oder links gucken. Das ist vor allem im Herbst so. Und im Winter. Morgens. Wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist und überall noch der Nebel hängt. Der hängt da so richtig rum der Nebel. Das ist so unheimlich dann. Wenn man da über eine Brücke fährt, die rechts und links eingetunnelt ist von Nebel, der darüberhängt, als wolle er die Brücke gleich verschlucken. Dann sieht man gar nichts. Über die Brücke hinaus sieht man dann gar nichts. Es ist wie eine weiße dicke Wand. Rechts und links von einem. Das ist öfter so bei Brücken, die über einen Fluss wollen. Das ist dann so, als ob die Natur sagt, nein, die Brücke ist von mir noch nicht freigegeben. Da ist man dann der Natur ganz ausgeliefert. Das kann wirklich gefährlich werden. Und weiß ist das dann. Alles weiß. Im Nebel. Nebel ist so richtig weiß. Das kann man sich gar nicht vorstellen manchmal. Und wenn man Nebel malen will, dann fragt man sich ja auch, ob Nebel eigentlich weiß ist oder nicht. Und wenn man es dann mal gesehen hat, dann weiß man, dass Nebel tatsächlich weiß ist. Dickflüssig weiß. Von wegen durchsichtig. Gar nix kann man da manchmal sehen. Ich finde es gruselig. Wenn man durch so einen Nebeltunnel fahren muss. Manchmal im Leben muss man eben durch Nebeltunnel fahren. Wenn man zum Beispiel vor lauter Sorgen nur noch weiß sieht. Und das wie in einem Tunnel. Und man vor lauter Sorgen das Ende des Tunnels nicht sieht. Das kennt man ja. Aber so einen Tunnel auch in Wirklichkeit zu haben? Das stelle ich mir grausam vor. Von Nebel real verschluckt zu werden. Auf einer Brücke. Wo doch die reale Gefahr besteht, herunter zu fallen. Das finde ich furchtbar. Ich bin sehr froh, dass die Brücke mich hier unten so sicher hält. Sie hält mich versteckt und irgendwie geborgen. Hier habe ich ein Dach über dem Kopf. Hier habe ich eine Aufgabe. Das gibt mir Halt. Ich mag die Brücke. Dafür, dass sie mir ein Dach über dem Kopf schenkt. Auch wenn es hier manchmal sehr laut wird wegen der vielen Autos über mir. Aber solange ich nicht von einem Nebeltunnel verschluckt werde, bin ich sehr glücklich, hier unter der Brücke sein zu dürfen.