16396394686_cdb92c128b_mText: CFFaust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 17

Gerade geschieht etwas mit mir. Ich blicke an mir herunter und bin nicht mehr bei mir. Ich blicke an meinem Körper entlang, meine Augen folgen meinen Armen, meine Augen erblicken meine Hände und sie sind mir fremd. Meine Arme, meine Hände sie sind mir fremd, sie werden mir fremd. Wer bin ich? Wo bin ich? Ich stehe neben mir. Es ist, als ob ich neben meinem Körper stehe, was geschieht mit mir? Ich erblicke meinen Körper und er wird mir fremd. Ich spreize meine Finger, führe meine Hände zusammen, ertaste meine Hände. Sind sie von mir? Wer führt sie? Wer fühlt sie? Ich bin es nicht mehr. Im Hintergrund läuft das Radio. Ein Song aus dem Radio dringt unterbewusst in meine Gedanken. Der Song entschleunigt mein Denken. Der Song lässt meine Gedanken in Zeitlupe ablaufen. Mein Körper bewegt sich in Zeitlupe. Wie im Film läuft mein Leben vor mir ab. Ich sehe auf einmal alles ganz klar. Ich sehe auf einmal alles ganz verschwommen. Mein Leben liegt vor mir. Ich betrachte es, wie ein fremdes Leben. Wie eine Geschichte, wie einen Film. Ich betrachte mein Leben so, wie ich einen Film ansehe. Emotional involviert. Und zugleich distanziert. Ich möchte ihn ausschalten. Den Film. Er ist mir zu traurig. Ich sehne mich nach dem Happy End. Doch es scheint ein Film ohne Happy End zu sein. Was ist das für ein Song? Der da im Radio spielt, der da mein Leben spielt. Er hält mein Leben an. Der Song dauert nur einige Minuten. Doch er fühlt sich so lange an. Der Song. Ich möchte nicht, dass er zu Ende geht. Das Gefühl, dass der Song mir schenkt, verlängert den Moment, in dem ich mein Leben so intensiv spüre. Träume ich? Ich denke, ich bin nicht ganz wach. Die Harmonien, diese Klänge, sie lassen mich schweben. Es ist kein trauriger Song. Doch die Töne klingen traurig, melancholisch. Es ist ein In-der-Luft-Schweben. Der Text hat nichts mit mir zu tun. Die Töne schon. Wieder blicke ich durch die Straße auf mich. Ich stehe dort. In der Ecke. Dort wo ich stehen gelassen wurde, dort in der Ecke, dort stehe ich noch immer. Ich habe mich nicht mehr bewegt seitdem. Ich bin weder vorwärts noch rückwärts gegangen. Die Zeit ist stehen geblieben. Dieser Song lässt mein Leben stehen. Mir schwindelt. Die Luft verschwimmt vor meinen Augen. Es ist, als ob ich die Luft sehen könnte. Ich nehme keine Gegenstände mehr wahr. Der Herd, das Waschbecken, eine Küche? Ein Baum, ein Geschäft, die Stadt? Ich sehe nur Luft. Ich kann die Luft sehen. Es sind Lichtwellen, die ich wahrnehme. Oder sind es Töne? Ich denke die Lichtwellen sind Töne. Schwingungen von Musik, die einen Ort suchen, gehört zu werden. Der Baum, er musiziert, seine Blätter, sie rauschen im Wind, sie möchten gehört werden. Doch ich kann sie nicht hören. Ich sehe ihre Bewegung, doch ich höre sie nicht. Der Wasserhahn, er tropft, doch ich sehe nur die Tropfen. Ich höre ihr Geräusch nicht. Doch sie müssen wohl ein Tropfgeräusch machen. Ich höre nur noch den Song. Das Radio, das höre ich. Als sei es das einzige, was ich noch hören könnte auf Erden, so intensiv höre ich das Radio. Und der Song, der vom Radio gesendet wird, der Song ist mein Leben, dringt in mein Leben ein, wiederholt sich, endet und beginnt wieder von neuem. Ich möchte meine Augen schließen, doch sie sind längst geschlossen. Ich möchte meine Ohren schließen, doch sie sind längst geschlossen. Ich will meine Hände zu einer Faust schließen, doch sie sind längst verschlossen. Ich bin die Faust. Und doch, fühle ich meine Hände nicht mehr. Schlafen will ich. Nicht mehr wach sein. In Trance alles erleben. In Trance fühlen. In Trance den Schmerz erleben. Es ist mein Herz. Es pocht, obwohl es längst aufgehört hat zu schlagen. Verwirrung. Fühl es doch noch einmal. Ein letztes Mal. Ich beobachte mich, wie ich in der Ecke stehe und erstarre. Ich gehe auf mich zu. Nur einen Schritt. Nur einen Schritt gehe ich auf mich zu und sofort fühlt sich mein Schutzwall bedrängt. Da ist jemand, der mich angreifen will. Von außen kommt jemand, der sich den Weg zu mir bahnt, den Weg zu meinem Inneren sucht, ich muss mich schützen. Schickt ihn fort, diesen Jemand. Doch ich bin es selbst. Ich begreife, ich bin es selbst, der da auf mich zukommt. Ich wage einen zweiten Schritt. Ich gehe einen zweiten Schritt auf mich zu. Ich gehe einen zweiten Schritt auf diese Ecke zu, in der ich alleine stehe, in der ich alleine stehen gelassen wurde. Mein Schutzwall beginnt zu bröckeln. Ich muss ihn wieder aufbauen. Den Schutzwall. Ihn wieder zusammenbauen. Stützen. Schützen. Ich wage einen dritten Schritt. Mein Herz zerreißt, denn der Schutzwall beginnt zu beben. Es tut weh. Es schmerzt. Aber die Angst vor dem Schmerz tut mehr weh, als der eigentliche Schmerz. Die Grenze darf nicht überschritten werden. Auch nicht von mir selbst. Ich bin mir selbst fremd. Ich fühle meine Anwesenheit. Sie tut mir weh. Ich will sie nicht akzeptieren. Ich kann mich nicht mehr wehren. Mein Schutzwall ist eingestürzt. Ich gehe einen vierten Schritt auf mich zu. Ich stehe nun direkt vor mir. Ich stehe mit mir in der Ecke. In der Ecke der Einsamkeit, in der ich verlassen wurde. In der Ecke, in der ich immer alleine stand, stehe ich nun mit mir selbst. Die Luft flimmert. Es sind Töne aus dem Radio, die mich erreichen, obwohl ich sie nicht bewusst wahrnehme. Der Song verschleiert die Wahrnehmung. Der Song hat längst aufgehört, ohne dass ich es gemerkt habe. Ich höre nun nur noch meinen Atem. Das Rauschen der Blätter dringt zu mir. Das Rauschen der Blätter von einem Baum, den ich nicht sehen kann, weil er vor meinem Fenster steht. Ich blicke von der Küche aus auf einen Baum, den ich eigentlich nicht sehen kann. Ich bin in einer Küche. Ich höre etwas tropfen. Ich bin in einer Ecke, einer Küche, und irgendwo ist ein Baum. Der Baum ist in meiner Erinnerung. Der Baum ist der Baum aus der Ecke, in der ich stehen gelassen wurde. Und nun, holt er mich wieder ab, der Baum, und trägt mich aus der Küche hinaus, in eine andere Welt. Die Gedanken ordnen sich. Der vierte Schritt auf mich zu hat schreckliche Schmerzen verursacht. Doch meine Gedanken ordnen sich. Meine Orientierung wird klarer. Gedanken und Erinnerungen spalten sich ab von der Realität. Ich sitze in einer Küche. Ich stehe auf einer Straße. In einer Ecke. Und ich bin auf mich zugegangen. Ich bin zu mir gekommen. Ich komme zu mir. Der Song ist zu Ende. Ich realisiere, der Song ist zu Ende. Das Rauschen der Blätter ist verschwunden. Ich höre es nicht mehr. Es war nie da. Ich komme zu mir. Ich wache auf. Ich schlafe nicht. Das Leben geht weiter. Ich zwinge mich zum Aufwachen. Ich belohne mein Aufwachen. Ich werde bald abgeholt. Der Glaube ist da. Ich werde an der Ecke stehen und auf mich warten. Und wenn ich mich selbst an der Ecke abgeholt habe, dann werde ich wieder bei mir sein. Und wenn ich wieder bei mir bin, dann wird mich vielleicht wieder jemand abholen können. Ich bin nun bei mir und öffne meine Hände. Ich reibe meine Hände sanft aneinander. Ich fühle sie. Ich fühle mich. Ich fühle meine Hände, wie sie sich fühlen. Und dann, halte ich sie vor mich, meine Hände, werde mich ihrer bewusst, erblicke meine Hände, erblicke mich selbst, werde ich selbst. Es zieht mich zum Klavier. Ich möchte meine Hände sehen, wie sie Musik machen. Faust, öffne dich. Ich denke, ich muss meinen Händen Ausdruck verleihen. Ich denke, ich muss meine Finger das ausdrücken lassen, was sie gerade erlebt, empfunden haben. Doch es ist kein Klavier da. Ich befinde mich in einer Küche, in einer Straße. Und dann wird mir bewusst, dass ich aufwachen muss. In Gedanken schließe ich den Deckel des Klaviers. Ich verschließe den Wunsch zu musizieren und entscheide mich für den Wachzustand. Ich stehe auf, erhebe meinen Körper, greife mit meinen Händen zu einer Kanne. Schraube den Deckel ab, und fülle Wasser in ein Gefäß. Ich mache die Herdplatte an und stelle das Gefäß darauf. Ich fülle Pulver in einen kleinen Trichter und schraube das Gefäß zusammen. Ich beobachte meine Hände, wie sie das Gefäß bedienen, ich beobachte meinen Blick, wie er meinen Händen folgt. Ich starre das Gefäß an und Minuten vergehen wie in Trance. Ich höre das Rauschen der Blätter nicht mehr und ich höre den Song des Radios nicht mehr. Ich bin wach, ich bin in Trance. Mein Körper steht. Mein Körper steht, in der Mitte des Raumes, vor dem Herd, er hat die Ecke verlassen. Ich habe meinen Körper abgeholt, habe ihn aus der Ecke in die Mitte des Raumes geführt, habe ihn mitgenommen. Das Wasser in dem Gefäß beginnt zu sprudeln und zu pfeifen. Ich nehme das Geräusch des Wassers wahr und erwache erneut. Ich entscheide mich aufzuwachen. Ich erwache, ich werde wach. Ich verabschiede mich von der Ecke, ich verabschiede mich von dem Baum, ich verabschiede mich von dem Song. Eine dunkle Flüssigkeit spritzt aus dem Gefäß, die heiße Herdplatte zischt. Ich nehme das Gefäß von der Platte, und gieße die Flüssigkeit in eine Tasse. Ich atme den Duft des Getränks ein und werde wach. Ich lasse das Getränk ein wenig abkühlen. Dann begrüße ich in großen Schlucken das Wach-Sein. Ich bin angekommen. Ich bin da. Ich empfange das Wach-Sein. Ich begrüße das Leben und bin glücklich. Ich bin glücklich, denn ich bin aus der Trance aufgewacht.