8963364614_53dd3da0f7_zText: CF Faust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 17

Irgendwie fühle ich mich manchmal wie hingekotzt. Das klingt jetzt wirklich nicht sonderlich vornehm, aber ich fühle mich manchmal wie hingekotzt. Meine ganzen Gedanken kommen hier irgendwie einfach so raus, als ob ich sie ausspucken würde, als ob ich sie ganz hässlich und unüberlegt, aus einem Reflex heraus, herauskotzen würde. Manchmal, wenn ich einfach nur bin, ohne etwas zu tun, wenn ich zum Beispiel hier am Rhein einfach nur bin, um einsam nichts zu tun, dann ist mir schrecklich übel. Es ist eine Übelkeit, die vom Magen herkommt. Und dann wünsche ich mir jedesmal, mich zu übergeben. Damit alles einfach rauskommt, aus dem Magen. Damit diese Übelkeit weggeht und ich mich besser fühle. Danach. Nach dem Übergeben. Aber meistens, da will es nicht. Da will es nicht raus. Dann setze ich mich hin und schreibe. Dann kotze ich alles beim Schreiben raus. Es tut mir wirklich Leid, dass ich es so formulieren muss, aber es ist wirklich ein Kotzen, nicht ein Erbrechen. Ein Erbrechen ist so vorsichtig, so kultiviert. Nein, ich erbreche dann nicht kultiviert, ich kotze dann ganz primitiv. Unüberlegt, aggressiv, schnell und nicht gerade virtuos. Ich benutze dann keine Farben. Nein, mein Kotzen ist dann eher schwarz weiß. Ich lasse mir dann keine Zeit für Konturen, Charakterzüge oder farbliche Überlegungen. Nein. Schwarze Linien auf weißem Grund. Das ist es, was mich in Momenten der Übelkeit befriedigt. Es graust mir, hier die ganze Zeit vom Kotzen zu sprechen. Ich will das englische Wort verwenden. Das throw up. Das klingt besser. Es meint natürlich das Gleiche. Aber es sticht beim Lesen nicht so sehr im Auge. Es meint das Gleiche. Doch es klingt besser. Es macht diese aggressive Handlung des Kotzens zu etwas Professionellem. Obwohl es immer noch hässlich ist. Aber das ist es doch eigentlich, was ich hier tue. Ich bin hier hingekotzt worden. So ist es doch. Ich bin wie Kotze. Ich bin ein Throw-up. Ein Throw-up, das nur aus einem Gesicht besteht, so rasch hat sich da jemand entleeren wollen. Und so wie ich hier nur ein Throw-up bin, so sind doch auch meine Gedanken hier wie Throw-ups hingekotzt. Entschuldigt, ich meinte, meine Gedanken sind Throw-ups. Meine Gedanken, die aufgrund einer Übelkeit aus mir heraus kommen, sind Throw-ups. Das ist es. Jetzt, wo ich das endlich aus mir herausgelassen habe, da geht es schon besser mit der Übelkeit. Man kann ja nie so genau beschreiben, was da mit einem passiert, wenn man sich übergeben muss. Da ist man dann so unkontrolliert. Da weiß man gar nicht mehr genau, ob man eigentlich noch denkt in dem Moment. Es kommt einfach so aus einem raus, ohne dass man es kontrollieren kann. Ob das dann nun Kunst ist oder nicht, darüber kann man streiten. Ob kotzen Kunst ist. Das wäre doch interessant, einmal zu reflektieren. Also Exkremente haben es ja schon geschafft, in die Kunst. Fingernägel auch. Warum dann nicht auch das Kotzen? Also während ich hier so mein Gesicht an dem Wellblech reibe, da finde ich es großartig, über das Kotzen als Kunst nachzudenken. Denn ich habe die Hoffnung, dass es das noch nicht gab. Das Kotzen als Kunst. Und manchmal, da fühle ich mich so hingekotzt, so unbedeutend. Da bin ich dann froh, dass es das Throw-up gibt. Das macht aus mir eine Kunstform. Das finde ich toll. Auch wenn es eine umstrittene Kunstform ist. Aber ich bin doch da, wie kann man dann über meine Existenz streiten? Das finde ich immer so gemein. Dass da die Leute über mich streiten, so als ob ich gar nicht existieren würde. Ich finde, ich bin hier, also gibt es mich auch. Ich bin sehr froh, dass wir manchmal englische Begriffe in unsere Sprache einführen. Begriffe helfen Existenzen beim Existieren. Das klingt jetzt wieder so hingekotzt. Aber ich denke wirklich, dass man den Dingen einen Namen gibt, und sie dann auch wirklich existieren. Natürlich existieren die Dinge auch ohne die Namen. Aber irgendwie ja doch nicht richtig. Also ich könnte jetzt zum Beispiel gar nicht genau sagen, was so alles existiert, wovon ich keinen Namen kenne. Weil wenn ich den Namen nicht kenne, dann kenne ich ja auch das Ding nicht. Komische Dinge, die mir da so im Magen liegen gerade. Die Übelkeit wird besser, jetzt wo ich wieder am Kübeln bin. Das wäre auch so ein Wort, mit dem ich das Kotzen umschreiben könnte. Aber es funktioniert nicht immer, das Wort. Ich könnte ja sagen, dass mein Gesicht hier Kotze ist. Das will ich aber einfach nicht von mir sagen, dass mein Gesicht hier Kotze ist. Dann probier ich‘s mit dem Kübeln. Aber dann wäre ich ja ein Kübel. Das bin ich ja nun überhaupt nicht. Wenn ich dann sage, ich bin Erbrochenes, dann klingt das erstens zu vornehm und zweitens ist das Wellblech ja nicht zerbrochen oder so. Und da müsste man ja dann als nächstes dran denken. Also Throw up. Ich denke, ich habe jetzt genügend erklärt, weshalb ich ein throw up genannt werden möchte. Denn mein Gesicht, so wie meine Gedanken, sind Throw Ups, die sogar im Plural nicht nur gut klingen, sondern auch Kunst sind. Das finde ich toll. Ein Begriff, mit dem man etwas Aggressives und Hässliches und trotzdem Kunst verbindet. Ob nun für alle oder nicht, dass ist mit egal. Und nun komm mir nicht mit Vandalismus. Da kotz ich drauf.