Text:CF Faust 
Sprayer: Unbekannt

image001Die Stimme der Traurigkeit 16

Ich hatte die Veränderungen gespürt. Ich hatte damals etwas aufgewühlt, was längst passé gewesen war. Und dann war irgendetwas an mir dunkler geworden. Es war jedoch mehr mein Inneres, das dunkler geworden war. Nach und nach veränderte sich mein Äußeres. Meine Haut wurde dunkler. Es war eine Art stiller Protest von mir. Dass meine Haut dunkler wurde, war eine Art stiller Protest gewesen. Denn ich war so sauer gewesen auf meine Blässe. Mein ewiges Blass-Sein nervte mich. Es war mir zuwider. Ich wollte mich einfach nicht mehr so sehen. Immer war ich weiß wie eine Wand. Immer half ich mit Schminke nach, um unter Menschen zu gehen. Denn ich sah so krank aus, mit meiner Blässe. Ich denke, meine Blässe kommt daher, dass ich ein kränklicher Typ bin. Dann beschloss ich, ein anderer Typ zu werden. Gesund sein. Braun sein. Das wollte ich. Eine dunkle Schönheit wollte ich sein. Als meine Haut dann ganz braun geworden war, da war ich sehr dankbar, für diese Veränderung. Es war eine Veränderung gewesen, die zuerst im Inneren begonnen hatte. Es war ein langer Prozess gewesen, bis sich meine innere Veränderung auch auf meinem Äußeren spiegelte. Mit meiner dunklen Haut bin ich schöner. Attraktiver. Und Selbstbewusster. Ich habe endlich diese Blässe besiegt. Ich bin Sieger über die Blässe. Sieger über alle weißen Wände dieser Stadt. So muss man es doch mal sehen. Ich war glücklich darüber, eine dunkle Haut zu tragen. Auch wenn ich glücklicher bin, mit meiner neuen Hautfarbe, fühle ich mich doch sehr fremd in dieser Stadt. Es gibt sehr wenige, die die gleiche dunkle Hautfarbe haben wie ich. Und wenn jemand mal die gleiche dunkle Hautfarbe hat wie ich, dann fällt dieser Jemand dann sehr schnell auf. Es ist nicht unbedingt ein negatives Auffallen. Dunkelhäutige Männer sind zum Beispiel sehr beliebt bei Frauen. Ich denke, dunkelhäutige Männer sind hier sehr beliebt bei Frauen. Ob ich beliebter bei den Männern bin, das kann ich nicht sagen. Ich glaube schon. Aber das könnte auch nur daran liegen, weil ich mit meiner dunklen Hautfarbe selbstbewusster bin. Selbstbewusste Frauen kommen eben besser an bei Männern. Vielleicht bin ich deshalb ohne Mann. Weil ich früher so blass kein Selbstbewusstsein hatte. Fest steht, dass dunkle Hautfarbe hier sehr auffällt. In meiner Stadt meine ich. In meinem Mainz. Wenn man dann mal nach Frankfurt fährt. Da ist es ganz anders. Da mischt sich alles. Richtig bunt ist es da. Weiße Wände gibt es da ja auch gar nicht. Eine richtige Völkermühle ist das dort. Da wird es nicht langweilig. Da kommt einem die Kultur entgegen. Hier dagegen mischt es sich nicht so gut. Am Rhein bei mir da mischt es sich nicht mehr so gut. Insgeheim ist er ein bisschen eifersüchtig deswegen. Ich meine der Rhein. Also der Rhein ist so ein bisschen eifersüchtig auf den Main. Wegen der Mischung. Soll der Rhein mal nicht so sein. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es meine dunkle Hautfarbe nur in manchen Vororten gibt. Das finde ich schade. Ich habe einmal eine Frau kennengelernt, die genauso aussah wie ich. Sie war fast wie mein Zwilling hier. Sie hatte so ein gerade geschnittenes Pony, dass ihr ins Gesicht fiel. Und sie trug gerne lange weite Kleider mit tollen Mustern. Es waren richtig afrikanische Roben. Und sie stammte ja auch aus Afrika. Und die Kleider bekam sie von ihrer Mutter manchmal zugeschickt. Und die trug sie jeden Tag. Ich kannte sie, weil sie jeden Morgen an mir vorbeiging. Auf dem Weg zur Arbeit ging sie jeden Morgen an mir vorbei. Ich weiß das deshalb so genau, weil sie immer zwischen vier und fünf Uhr morgens an mir vorbeilief. Und das ist sehr ungewöhnlich. Also Betrunkene laufen schon manchmal um die Uhrzeit an mir vorbei. Aber dieses Mädchen, mein Zwilling, sie ging immer zur Arbeit. Sie war Briefträgerin. Oder sie ging Briefe sortieren. Das war immer unterschiedlich. Auf jeden Fall hatte sie etwas mit Briefen zu tun. Ich weiß das deshalb so genau, weil sie mir einmal einen Brief brachte. Das war ein Ereignis. Das werde ich nie wieder vergessen. Ich werde es nie vergessen, wie sie einmal mit ihrem Wagen vor mir anhielt und mir einen Brief gab. Es war ein schöner großer Umschlag. Und den stellte sie einfach so vor mich auf den Boden. So, als ob das ganz selbstverständlich wäre. Ich habe ja keinen Briefkasten hier. Ich bin, was das angeht, ein bisschen unorganisiert. Ich bekomme ja sonst nie Post. Ich bin ja auch nirgendwo gemeldet. Vielleicht würde ich mehr Post bekommen, wenn ich einen Briefkasten hätte. Das wäre schön. Dieses eine Mal war es jedenfalls schön, einmal Post zu kriegen. In dem Briefumschlag war Werbung. Und sie war an niemand anderen adressiert. Also bestand kein Zweifel, der Brief war wirklich für mich. Ich hatte Werbung bekommen und ich war mächtig stolz darauf. Ich traue mich gar nicht, es hier zuzugeben, aber ich konnte damals noch nicht lesen. Und da war ich so froh, dass ich Werbung zugeschickt bekam, weil dort so viele Bilder waren. Bilder zum Angucken. Das werde ich nie vergessen. Den Tag, an dem ich Werbung bekam, werde ich nie vergessen. Wenn ich könnte, dann würde ich jemanden bitten, mir einen Briefkasten zu bauen. Denn ich würde so gerne wieder Post bekommen. Ich kann ja heute auch ein bisschen lesen. Ich habe es mir mit diesem Werbungsbrief beigebracht. Es ist schade, dass man sich alles selbst beibringen muss. So ist das, in meinem Leben. Da kümmert sich niemand wirklich drum, was aus einem wird. Ob man mich übermalen soll, oder ob ich abgerissen werden soll, das wird heftig diskutiert. Aber mal darüber nachzudenken, ob ich vielleicht gerne lesen würde. Nein. Auf diese Idee kommt niemand. Also habe ich es mir selbst beigebracht. Vielleicht war es auch die Druckerschwärze beim Lesen, die mich dunkler gemacht hat. Ich weiß es nicht. Ich denke, es war eine innere Entwicklung. Und sie hat mir gut getan. Meiner Zwillingsschwester möchte ich jedoch noch danken. Danke, dass du mir damals meine Post gebracht hast. Das war sehr lieb von dir. Mir meine Post zu bringen, obwohl ich ja gar keinen richtigen Briefkasten hatte, das war sehr lieb von dir. Ich warte einfach hier. Ich bleibe einfach hier und warte darauf, dass ich vielleicht bald einen Briefkasten bekomme. Und vielleicht bekomme ich dann auch einmal einen richtigen Brief. Das wäre schön. Ein echter Brief, ohne Bilder mit Werbung darauf.