8999658603_3dd8d63868_zText: CF Faust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 14

Es ist eine Kunst, alleine zu sein und dabei glücklich zu sein. Vor allem im Winter. Heute haben sie die Tannenbäume ausgepackt. Es ist ein komisches Gefühl, wenn sie die Tannenbäume auspacken. Ich finde es schön, dass einmal im Jahr, Sachen von draußen, nach drinnen geholt werden. Wobei man ja draußen gar nicht gerne ist, wenn es so kalt ist. Trotzdem holt man sich das Draußen herein. Ich bleibe auch im Winter gerne draußen. Mir macht die Kälte nichts aus. Ich bin kälteresistent. Wobei meine Haut manchmal ganz rissig wird, von der Kälte. Im Winter passiert es manchmal, dass meine Haut wegen der Kälte aufreißt. Dann sammelt sich das Wasser in den kleinen Fugen. In meinen Falten sammelt sich das Wasser. Und wenn es gefriert, dann platzt es. Und dann reißt meine Haut. Meine Haut ist alt. Dann müsste ich auch alt sein. Wahrscheinlich bin ich alt. Aber ich dachte immer, wenn man alt wird, dann ist man nicht mehr so alleine wie ich. Ich denke, ich habe mich darin getäuscht. Ich dachte immer, wenn ich alt werde, dann mit jemandem zusammen. Ich dachte nie daran, dass ich vielleicht alleine alt werden würde. Es macht mich traurig, dass ich alleine alt werde. Aber dafür war ich in meiner Jugend nicht alleine. Vielleicht kann man eben nicht alles haben. Es gab da jemanden, der hat mich viele Jahre begleitet. Und dann hat er mich an einer Ecke stehen lassen. Seitdem bin ich alleine. Manche waren in der Zeit ihrer Jugend alleine. Ich bin es jetzt. Ich habe keine Angst vor dem Altwerden. Und auch nicht davor, dass ich alleine alt werde. Es gibt ja so viele alte Menschen. Es gibt so viele einsame alte Menschen. Und wir haben unsere Erinnerungen. Wir haben diese Risse. Diese Risse sind unsere Erinnerungen. Ich finde Falten sehr schön. Sie erzählen sehr viel. Ich finde, dass Falten sehr viel erzählen. Ich bin stolz auf meine Risse. Mein Haar hat einen grauen Schleier bekommen. Auch er verrät mir, dass ich alt geworden bin. Mein Haar hat schon viele Winter erlebt. Ich mag die Kälte des Winters. Ich liebe den Duft von Schnee. Im Winter. Schneeflocken sind meine liebsten Spielgefährten. Sie tanzen gerne um mich herum, im Winter. Und ich bewundere sie, wie sie tanzen können. Die Schneeflocken. Besonders gerne habe ich die Weihnachtsmärkte. Leider kann ich sie meistens nicht sehen. Aber ihr Duft lockt mich. Es riecht dann in der ganzen Stadt nach Zuckerwatte und Glühwein. Das ist ein toller Duft. Der Weihnachtsduft. Es liegt da so eine geheimnisvolle Stimmung in der Luft. Um Weihnachten rum. Man muss sich erst in die Stimmung hineinversetzen. Man muss sie zulassen, die Stimmung. Anfangs, ärgert man sich nur über den Weihnachtsverkauf. Der fängt ja viel zu früh an. Und die ersten Tannenbäume, die von draußen nach drinnen kommen, sehen so ungewohnt und fremd aus. Aber dann wird einem bewusst, dass es doch bald Zeit für einen Adventskalender sein muss. Denn es wird bald Dezember. Kerzen, Schnee und Plätzchen. Weihnachten kommt. Alles wird sehr gemütlich. Man kuschelt sich zusammen. Zusammen ist man. An Weihnachten ist man zusammen. Das ist sehr schwer für mich. Denn ich bin alleine. Auf Weihnachten zuzugehen, wenn man alleine ist, ist sehr schwer. Von hier draußen, beobachte ich oft die verliebten Pärchen. Wie sie sich aneinander kuscheln. Wie sie sich gegenseitig wärmen. Manchmal erhasche ich einen Blick in ein Familienhaus. Da sieht es so toll aus. Es wird weihnachtlich geschmückt, es wird öfter gekocht, es wird Familie gelebt. Das beneide ich. Ich wünschte, ich würde auch nach drinnen genommen. Von draußen nach drinnen. Wie der Tannenbaum. Denn je mehr Winter ich erlebe, desto älter werde ich. Und da bekommt mir die Kälte nicht mehr so gut. Ich wünschte, ich würde eine Decke bekommen. Eine Mütze oder einen Schal. Das wäre eine schöne Geste. Es gab da mal diese eine Statue. Am Rhein. Der haben sie eine Mütze genäht. Da war ich ein bisschen neidisch. Aber diesen Winter schaff ich noch. Ich bin stabiler als man denkt. Und ich hab ja meine Erinnerungen. Die helfen mir, durch die kalte Zeit. Und vielleicht finde ich ja irgendwann doch einen anderen einsamen Menschen. Einen, der auch solche Falten hat wie ich. Und bis ich ihn finde, wärme ich mich an meinen Erinnerungen. Und tanze mit den Schneeflocken. Winter, du kannst kommen, deine Kälte ist mir willkommen.