Streetart Story Zoo

Maler: Berthold Faust
Sprayer: Jascha Müller
Writer: CfFaust

Ich habe über deine Arbeit eigentlich nie wirklich reflektiert. Du warst eben der Opa, der malt, der an seinem Schreibtisch nicht gestört werden durfte, der mit einem lauten Gong zum Essen gerufen wurde und dann doch eine halbe Ewigkeit brauchte, bis er kam. Heute verstehe ich das. Dass die Farbe eben nicht eintrocknen durfte und du deshalb so lange nicht runter in die Küche kamst. Aber vielleicht mochtest du auch einfach das heiße Essen nicht. Es war ja schlecht für deinen Magen. Wir haben dich Mali genannt, eben weil du maltest, aber mit deinen ganzen Tieren, die du da maltest, konnten wir, um ehrlich zu sein, nie so recht was anfangen. Ich bin eben ein Stadtkind. Ich habe diese ganzen Tiernamen zwar alle mal in der Schule gelernt und ich erinnere mich auch noch, wie wir deine schönen Malbücher bekritzelt haben oder wie wir aus dem Apothekenheft Poster von deinen Tierbildern in ihrem Lebensraum aufgehängt haben. Aber wie soll man den Wert von einem Tierbild erkennen, wenn man es für ein Foto hält? Dein Naturalismus ist so pedantisch! Du bist darüber erblindet! Wie kann ich das heute gut finden? Mit der Lupe! Mit der Lupe hast du Stunde um Stunde jedes Tier, ja jedes dämliche Insekt gemalt! Warum? Deine impressionistische Phase, in der du mit dem Roller durch Paris gefahren bist, deine Staffelei an der Seine aufgebaut und einfach losgelegt hast mit dem Malen. Das sind Werke! Man könnte dich glatt neben Monet ausstellen! Wie dir das alles so leicht von der Hand ging. In einer Minute hast du ganz spontan eine Zeichnung aufs Papier geworfen, als habest du nur kurz deine Hand nach einem Krampf ausschütteln wollen. Aber diese Tiere? Weißt du eigentlich, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie einen Eisvogel in Natura gesehen habe? Es ist mir ein bisschen peinlich, aber jetzt, wo dieser Eisvogel in meinem Viertel direkt vor meiner Haustür an die Wand gesprüht wurde, da muss ich es dir gestehen. Dieses Graffiti und deine Zeichnung sind die einzigen Eisvögel, die ich in meinem ganzen Leben je gesehen habe. Wie kommt es, dass die Stadt auf einmal gefüllt wird mit Tieren, die die Stadt gar nicht mehr kennt? Dein Eisvogel war ganz beliebt und er wurde sehr oft verkauft. Weil in der Nähe deines Wohnortes eine Lederfabrik war, auf deren Territorium ein Eisvogel lebte und häufig gesichtet wurde. Er wurde so oft kopiert, dein Eisvogel. Ob er auch für dieses Graffiti als Vorlage diente? Natürlich ist die Frage absurd. Deine Vorlage war das Original und so werden deine Bilder immer als Kopien dienen, ohne dass man dies nachweisen kann. Aber es war dir ja ganz egal, ob du nun Geld verdientest oder nicht, denn ein Geschäftsmann, das warst du nie. Denn dann hätte dir ja klar sein müssen, dass sich ein Eisvogel vielleicht gut verkauft. Aber Insekten oder Amphibien? Wer kauft schon ein Bild von einer Kröte? Woher dein unstillbarer Ehrgeiz für die naturgetreuen Zeichnungen aller Tiere? Ist es deine Kindheit? Ist der Schlüssel deiner Arbeit eine Flucht in deine Kindheit? Ich habe so viele Fragen und stehe fassungslos vor deinen Werken. Denn in deinen Werken sehe ich einen ganz anderen Menschen als meinen Großvater. Ich wünschte, ich könnte heute mit dir an dem Graffiti des Eisvogels vorbeispazieren. Mich würde interessieren, ob du dich mit der Faust dahinter vergleichen würdest. Aber du bist nicht mehr da, deshalb spaziere ich mit dir im Herzen allein durch mein Viertel. Komm, ich will dir zeigen, wie viel mehr Tiere ich gefunden habe.

Maler: https://de.wikipedia.org/wiki/Berthold_Faust

Eisvogel Graffiti: http://jascha-mueller.de/eisvogel-bremen-grafiti-auftrag/

1 Comment

  1. Danke für die wunderschöne Geschichte! Ein intimer Einblick in die Familiengeschichte. Wann lesen wir mehr? Hoffentlich bald!

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