Writer: CfFaust
Maler: Berthold Faust
Sprayer: Unbekannt

Ich gebe es zu! Ich habe diese beiden Bilder absichtlich nebeneinander geschnitten, um dich zu ärgern. Und du bist natürlich drauf reingefallen. Aber ich höre dein Fluchen und ich habe es so vermisst, dass ich weinen will vor Lachen. „Zu blöd ein gerades Loch in den Schnee zu pissen!“, das würdest du sagen. Und dann würdest du aus voller Seele rufen: „Du Arschloch!“ Wobei das „A“ dabei so hart und kratzig klingt, dass man nicht anders kann als laut loszulachen. Du konntest fluchen! Ach, und was war das für eine Befreiung!Es war immer an ein Gegenüber gerichtet, das sich nicht im Raum befand. Und jedes Mal folgte ein strafendes „Ach Berthold!“ von deiner vornehmen Ehefrau, immer begleitet von einem zärtlichen Schmunzeln. So machte das Fluchen Spaß. Wenn immer jemand hinterher ermahnte, um schnell an die Moral zu appellieren, gleichzeitig aber erleichtert ausatmete über das wahre Wort. Natürlich weiß ich, dass das Ölbild von dir ein Tiger ist und das Graffiti ein Leopard. Über dem Tiger steht ja auf dem Original auch noch „Tiger Rag“ drauf. Ein Jazz-Klassiker von Louis Armstrong aus dem Jahr 1932. Man sollte es ausstellen neben deinem Ölgemälde von Charlie Parker, das du „The Bird“ genannt hast. Der Spitzname deines Jazz-Idols. Das war damals wirklich etwas Besonderes. Als die Nationalsozialisten Jazz-Musik nur „Neger-Musik“ genannt haben und ihr euch gegen sie auflehnend absichtlich Jazz-Musik gemacht habt, um euch gegen sie zu verbünden. Wichtig ist, dass man dann nicht „Tschääs“-Musik sagt. Sondern das „j“ wirklich wie ein „je“ ausspricht. Wie „Jagd“. Jazz! Erst warst du in Frankfurt bei der Gründung der Barrelhouse Jazz Band dabei, dann hast du den Hofheimer Jazzkeller mitbegründet. Dir hat man dort den Schlüssel überreicht. Aber als es dann darum ging ein Buch darüber zu veröffentlichen. Da habt ihr es nicht mehr koordinieren können, ein richtiges Interview zu planen. So war das immer mit dir. Und so verschwindest du in den Geschichtsbüchern und tauchst höchstens als Nebendarsteller auf. Zum Beispiel von Duclo. Horst Dubuque. Jazz or not to be. Du bist eingetragen im historischen Museum Frankfurt in der Bibliothek der Generationen. Ich war so stolz als wir die Einladung bekamen. Und von Christiane Dubuque erfuhr ich so viel wertvolles über dich. Du wurdest von allen Hugo genannt? Warum wussten wir das nicht? Deine Zeit als Jazzer lag so weit zurück und war so schmerzlich in deinem Herz verschlossen, dass es mich ganz krank macht, nicht mehr von dir darüber erfahren zu haben. Aber du warst auch hier, wie im Naturschutz, ein Autodidakt. Alles hast du dir selbst beigebracht. Posaune, Bass, Schlagzeug. „Wenn der Hugo da war, dann konnten wir spielen“. Das sagte Alfred Dechert über dich. Erinnerst du dich an ihn? Ich hatte mich mit einem Brief bei Christiane bedankt für die Aufarbeitung von Duclos Tagebüchern und ihr erklärt, wie gerne ich mehr über deine Vergangenheit erfahren möchte. Und dann hat sie meinen Brief weitergegeben. Und Alfred Dechert hat mir kurz vor seinem Tod geschrieben und mir angeboten mich mit ihm zu treffen. Ob er gespürt hat, dass er bald sterben wird? Er war nicht krank und es kam für alle sehr überraschend. Und dann steht man auf einmal da. Als eine Enkeltochter eines verstorbenen Großvaters, deren Kollegen und Freunde langsam verschwinden. Dann blickt man auf das Lebenswerk der Vorfahren und fühlt sich so machtlos. Was macht man nun damit? Wo sind die Menschen, die sich dafür interessieren? Was fange ich an mit den Werken meiner Vorfahren und wo stehe ich selbst zwischen ihnen? Wie du immer behauptest, meine Generation habe keinen Biss! Ist es dieses kraftvolle Bild von einem Tiger das du mit Biss verbindest? Du bist doch derjenige, der sich nie für uns interessiert hat, zumindest nicht seit unserem Teenageralter. Ist es nicht auch so mit der Bibliothek der Generationen? Wenn man sich dafür interessiert, super, wenn nicht – keinen störts? Pädagogik und Vermittlung war nie deine Stärke. Entschuldige, wenn ich das so hart sagen muss. Vielleicht habe nur ich das so empfunden. Klar konntest du deine Kinder für die Welt begeistern. Aber auf mich wirkte es immer so, als ob sie alle drei nur um deine Liebe wetteifern mussten. Streitschlichten lag ganz und gar nicht in der Familie. Da passt dann das Bild des Tigers wieder besser. Ein allgemeines Zähnefletschen, wenn gleich auch immer ästhetisch skizziert. Ein Tiger ist eben ein Einzelgänger. So ist es mit allen Künstlern. Man trifft sich, um sich über die Vergangenheit auszutauschen doch eigentlich, will man doch nur von sich selbst erzählen, um seine Bisswunden zu heilen.