Writer: CfFaust
Maler: Berhold Faust
Sprayer: Leiflines

Dein Buch „Rettet die Vögel“ war ein Bestseller! Jeden Vogel konntest du benennen, jeden Vogel brachtest du aufs Papier, studiert hast du sie in freier Natur, um sie von allen Perspektiven malen zu können. Stundenlang hast du im Grünen auf der Lauer gelegen und hast auf sie gewartet, auf deine Vögel, nur um sie ganz nah erleben zu können. Du hast jeden Vogel an seinem Gesang erkannt! Heute gibt es dafür eine App! Je komplexer das Gezwitscher umso lieber war es deinen Ohren. Tauben konntest du nicht leiden, ihr Gesang war dir zu monoton. Manchmal haben sie dich so geärgert, dass du Steinchen nach ihnen geworfen hast, um sie zu vertreiben. Dafür hattest du dir eine kleine Steinschleuder aus einem geeigneten Stock und einem Gummiband gebastelt. Verrückt wie sehr dich eine Taube ärgern konnte. Ich glaube es war der Frust darüber, dass das mehrstimmige Vogelgezwitscher, dass dich in deiner Kindheit immer beruhigt hat, verschwunden war. „Heute hört man im Garten nur noch blöde Tauben und dröhnende Flugzeuge“, fluchtest du einmal. Ich frage mich manchmal, ob die Gesänge der Vögel die einzige Musik war, der du dich noch zu öffnen vermochtest. Du kamst manchmal zu meinen Konzerten aber auch nur weil dich die anderen ins Auto packten. Begeistern konntest du dich nie für meine Musik. Regelmäßig veranstalteten wir Konzerte mit einem Chor aus Frankreich wo ich hin und wieder Solo singen durfte. Dieser Länderaustausch rührte dich. Immer noch überwältigt von den Kriegsauswirkungen auf deine Kindheit warst du ganz ergriffen davon, dass deutsche und französische Kinder und Jugendliche gemeinsam musizierten. Die Musik und mein Gesang drangen gar nicht in dein Bewusstsein. Du konntest dich nach dem Konzert an nichts erinnern, du hattest gar nicht gemerkt, dass ich Solo gesungen hatte, du konntest selbst die deutschen Volkslieder nicht benennen. „Aber das das möglich ist! Ein solches Freundschaftskonzert!“, brachtest du heraus und erstarrtest dann wie kalter Marmor. War es die tiefe Depression, die dich an Demenz erkranken ließ oder war die Demenz da, bevor die Depression kam? Warst du überhaupt dement oder hast du dich bewusst für das Vergessen entschieden? Die Musik hätte dich von beidem befreien können. Doch dein Desinteresse an meiner Musik, an jeder Art von Musik, schockierte mich. Nicht weil ich mich benachteiligt fühlte. Mir mangelte es nicht an Aufmerksamkeit. Trotzdem sehe und fühle ich es noch als sei es gestern gewesen, wie du das letzte Mal bei einem meiner Konzerte starr in der Kirchenbank saßest mit einer Kälte im Gesicht, als habe man dich gefoltert mein Konzert besuchen zu müssen. Ein Familienstreit zuvor? Alle anderen schienen von der Musik wie erlöst. Wir musizierten auf hohem Niveau und streiften unterschiedliche Genres. Dich erreichte kein heilender Ton mehr, du hattest dich jeder Art von Musik verschlossen. So kam es, dass ich dich nie mit Musik in Verbindung brachte, obwohl ich öfter davon gehört hatte, dass du in deiner Jugend Jazzmusik gespielt hattest. Du warst bei der Gründung des Hofheimer Jazzkellers dabei. Oder warst du der eigentliche Gründer, unfähig dies für die Geschichtsbücher klarzustellen? Der Besitzer des Kellers hatte deinen Vater gut gekannt. Deshalb bekamst du den Schlüssel für den Keller überreicht. Und dann erreichte mich auf einmal die Einladung von Christiane, der Frau des verstorbenen Jazz Musikers Horst Dubuque, zu einem Vortrag in der Bibliothek der Generationen im Historischen Museum Frankfurt. Du warst 1953 bei der Gründung der Frankfurter Barrelhouse Jazzband mit dabei? Du, Mali? Du sollst Herzblutmusiker gewesen sein? An jedem Instrument einsetzbar ohne je Unterricht erhalten zu haben? Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Ich taumle durch die Straßen. Denke über meine Verbindung zur Großstadt Frankfurt am Main nach. Denke an meine Streetart Stories über den Frankfurter City Ghost. Gehe durch mein Mainz und lausche den Vögeln. Finde die Vögel an den Wänden der Straße und sehe dich. Verstummte Vögel, erstarrt im Moment des Fliegens, umringt von monotonen Rhythmen die die Stadt wie ein Herzschrittmacher künstlich am Leben erhält.

Leif.Lines Graffiti – Künstler ** Leif-Eric Möller (business.site)

Berthold Faust – Wikipedia