Writer: CfFaust
Maler: Berthold Faust
Sprayer: Unbekannt

Ich finde es großartig, dass Kinder hier ein Eichhörnchen auf einen Zaunpfosten gemalt haben. Schließlich findet ja jeder Mensch Eichhörnchen süß. Sowohl die Form als auch die weiße Schattierung ist sehr gelungen. Es ist ja auch besonders schwer auf einem solchen Pfosten zu malen, da muss man ja um die Ecke denken. Die Bemalung passt sehr gut zu dem Baum im Hintergrund. Das ist das Schöne in meinem Viertel in Bremen. Trotz der engen Bebauung hat man das Gefühl ständig von Natur umgeben zu sein. Man hält es hier auch anders mit Gras und Unkraut zwischen den Betonplatten. Das ist nämlich gewünscht. Hier steht niemand morgens auf, um die Grashalme zwischen den Kopfsteinpflastern mit der Nagelschere abzuschneiden. Das gefällt mir. Während es dann aus jedem kleinen Mauersprung sprießt, sind diese Tierbemalungen an den Wänden die Bewohner. Die Natur ist in die Stadt zurückgekehrt, durch die Kunst. Aber da steht er nun wieder, der Kunst-Begriff. Graffiti von Tieren werden nicht als Vandalismus empfunden. Das ist ja schonmal was. Aber wie steht es jetzt im Vergleich dazu mit deinen Tierzeichnungen? Ist das Kunst? Hat das einen künstlerischen Wert? Oder sind das „nur“ Illustrationen? Ich sage das wegen Duchamp. Er ist wirklich an allem schuld. Ich hätte so gerne mit dir darüber diskutiert. Dir meinen Podcast vorgespielt. Aber du hättest das Medium nicht verstanden. Ich glaube wir hätten für dich auch zu schnell gesprochen. Das war so in den letzten Jahren deines Lebens. Wenn du etwas nicht verstanden hattest, weil es dir zu schnell war, dann hast du dich so verhalten, als ob es dich nicht interessierte. Natürlich hattest du von Duchamp gehört. Aber du hast keine Kunsthochschule besucht, insofern dürftest du auch keine Vorlesung in Kunstgeschichte besucht haben. Oder? Gibt es da etwas was ich nicht weiß? Was hat dich Ludwig Meidner gelehrt? Hätte ich dir doch nur den Humor und die Genialität von Duchamp erklären können. Du hättest ihn verehrt so wie ich ihn. Stattdessen hast du dich eingeschlossen und jedes Tier das auf dieser Erde kriecht mit der Lupe, Strich für Strich, auf Papier gebracht. Wo war dein Anspruch der Kunstwelt einen neuen Gedanken mitzugeben? Hattest du diesen Anspruch überhaupt? Hat es dir genügt „Illustrationen“ zu machen? Was ist dann mit all deinen anderen Werken? Warum stürzten sich alle auf deine Tierbilder anstatt auf deine impressionistischen und expressionistischen Arbeiten? Du konntest dich eben nicht verkaufen. Hast dich nie darum bemüht. Wobei du durchaus die Diva spielen konntest. Deine Arbeiten in der Frankfurter Marketing-Agentur waren genial. Du hast das Design der Capri-Sonne gemacht. Colgate Zahnpasta Werbung. Bist nach Madeira geflogen um einen Werbefilm zu drehen. Mit deiner Vita könnte man einen Frankfurter Mad Men drehen. Dein Magen erzählt die gleiche Geschichte. Hast du dich dem Alkohol verschrieben, weil du deine beiden älteren Brüder so vermisstest, die im Krieg gefallen waren? Was hat dir die Kraft gegeben aufzuhören zu trinken? Ich denke nicht, dass du Alkoholiker warst, aber deine Bierkrug- und Bierdeckelsammlung ist schon beeindruckend. Vielleicht war das auch der Grund für deinen Ausstieg in der Barrel House Jazz Band. Aber dazu kommen wir ein anderes Mal. Ich bin stolz auf dein Werk. Du hast die Tiere von allen Perspektiven gemalt. Hast sie in Bewegung beobachtet und auch in Bewegung gezeichnet. Du hast sie mit deinem Wissen über Naturschutz verbunden. Hast sie nicht alleine stehen lassen. So wie das Eichhörnchen hier auf diesem Pfosten. Dein Eichhörnchen war gerahmt. Ein Naturrahmen. Gemalt, um den Naturschutz voranzubringen. Nicht die Kunst. Ich laufe jeden Tag an diesem Eichhörnchen vorbei. Gepresst und gefangen in einem Buch, fixiert auf einem Zaunpfosten. Und dann denke ich, man muss es wieder zum Leben erwecken. Die Tiere müssen wieder Platz im Leben des Menschen finden. Jenseits von Disney und Animation. Sprache belebt. Also schreibe ich. Jeder Blog-Beitrag eine vergrabene Nuss, verloren und vergessen. So aber wachsen Bäume.

Berthold Faust – Wikipedia

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