Writer: CfFaust
Maler: Berthold Faust
Sprayer:Unbekannt

Du warst nie ein Stadtmensch und hast es immer verflucht, dass wir so wenig über die Tiere wussten, die unseren Lebensraum bewohnten. Wenn wir in der Schule ein Tier besprachen, dann galt es, dich anzurufen, deine Zeichnungen anzuschauen und dich nach deinem Wissen zu befragen. Bei jedem Spaziergang mit dir wuchs unser Herbarium und noch heute finden wir Schätze an gepressten bunten Blumen, wenn wir zufällig alte Bücher durchblättern. Doch je älter wir wurden, desto weiter entfernten wir uns von der Natur und von deinen Geschichten. Unsere Unkenntnis, wenn es darum ging, einen Vogel zu bestimmen, oder unsere Unart, wenn wir uns am Esstisch mit unseren Handys beschäftigten. Unsere Entfremdung ging einher mit der Zeit, in der du dich immer tiefer in deine Bilder zurückzogst. Ich versuchte dir von den Städten zu erzählen, in denen ich lebte. Ich wollte dir erklären, was es bedeutet, in einer Stadt zu leben. Denn hier gibt es Bedeutung! Hier gibt es Sinn! In einer Stadt zu leben, bedeutet, sie zu lesen und sich in sie hineinzuschreiben. Mein Viertel in Bremen, das ist ein Stadt-Zoo, durch den man schlendern kann, ohne Eintritt zu bezahlen.

Man kann sich selbst und andere beobachten, sich selbst suchen, sich verlieren und sich in anderen wiederfinden. Hier sind alle Kulturen vertreten, alle Gesellschaftsschichten, alle Weltanschauungen, alle sozialen Probleme, alle sozialen Errungenschaften. So bunt und vielfältig wie die Bewohner, so sind auch die Wände meines Viertels. Am liebsten laufe ich durch die Nebengassen, denn hier kann man zwischen echten Blumen und Gemaltem nicht mehr unterscheiden. Es gibt dort ein Haus, dessen Fassade eingehüllt ist in Schmetterlinge. Kannst du dir das vorstellen? Menschen bemalen ihr Haus mit Schmetterlingen! Du hast Graffiti immer nur für Schmiererei gehalten. Du hast es aus deinem Kosmos ausgeschlossen und einfach seine Existenz ignoriert. Hättest du damals gewusst, dass Graffiti zu Streetart führen würde und neben provokativem Vandalismus eine Häuserfassade mit Schmetterlingen hervorbringen würde? Ich fürchte, die Entwicklung der Kunst hat dich nie interessiert. Mit dir war es wie mit Musikern, die nicht ins Konzert gehen, Musikern, die die Stille bevorzugen. Du warst ein Maler, der sich entschloss, nicht mehr zu sehen. Ob du dein Erblinden deshalb nicht bemerktest, weil du vor deinem inneren Auge die Farben deiner Schmetterlinge imaginieren konntest? War es dort, wo du die letzten Jahre deines Lebens gewesen bist? In deinen Bildern, die du nicht verkaufen konntest, weil sie ein Teil von dir waren? Vielleicht war es in dir drin so, wie ein Spaziergang durch mein Viertel. Wenn ich Schmetterlinge sehen möchte, dann weiß ich, welchen Weg ich zu gehen habe. Dann richte ich mein Gehen nach den Bildern der Stadt aus, dann benutze ich mein eigenes imaginiertes Orientierungsnetz an Bildern, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Das Ziel meines Gehens sind dann diese Schmetterlinge und auf dem Weg zu ihnen flattert es schon um mich herum, ganz bunt und hektisch schwirren die Bilder, begleiten mich, bewegen mich, berühren mich und fliegen mit meinen Gedanken durch die Welt. Ich frage mich, ob du jeden dieser Schmetterlinge, die du gemalt hast, draußen in der Natur gesehen und erlebt hast. In Wirklichkeit kennen wir doch Schmetterlinge nur aus Museen, wo sie in Reih und Glied in einer Vitrine konserviert und präpariert eingesperrt für die Ewigkeit glänzen sollen. Du hättest das doch nicht unterstützt, das Ausstopfen von Tieren für die Ewigkeit, oder? Ich weiß noch, wie du in deiner Jackentasche immer ein Fernrohr bei dir hattest, wenn wir spazieren gingen. Es war so eine Weste mit vielen Taschen, so wie Joseph Beuys eine trug. Ob das Zufall war? Das Fernrohr war neben dem Taschenmesser Teil deiner Spezialausrüstung und als wir klein waren, da schenktest du uns beides. Du konntest stundenlang den Wald, die Wiese oder auch einfach nur die Tiere im Garten beobachten, durch dieses Fernrohr. Ob dir dort oft Schmetterlinge vor die Linse geflattert kamen? Ich wünsche es mir sehr. Denn, wenn ich auf deine Schmetterlingsbilder schaue, wie sie dort in Büchern und Mappen gepresst vor der frischen Luft geschützt und doch gefangen sind, dann würde ich sie am liebsten alle einzeln ausschneiden und an diese Hausfassade neben ihre Schwestern kleben. Denn hier wären sie so viel freier, so viel bunter, gekitzelt vom Sonnenlicht so viel mehr Natur.