Maler: Berthold Faust
Writer: CfFaust
Sprayer: Unknown

So wie das Chamäleon hier über mein Viertel wacht, so wacht es auch über meinen Namen. Ich habe den Stempel immer noch, der den Anfangsbuchstaben meines Namens trägt mit den Umrissen eines Chamäleons. Auch das schöne C aus Holz, das an meiner Kinderzimmertür hing, wurde von diesem außergewöhnlichen Tier umrahmt. Andere Kinder hatten es da so viel einfacher. Hanna konnte wählen zwischen Hund, Hamster und Hase und entschied sich für den süßen kleinen Hund. Danielas Buchstabe wurde von einem Delfin begleitet und ich war wirklich eifersüchtig deswegen. Es war einfach gemein. Katrin hatte die Katze und Marie hatte das Meerschweinchen, doch ich blieb allein mit einem Chamäleon. So ist das mit den Initialen. Man zieht durch die Welt, sucht sich selbst und findet doch nur ein Tier, mit dem man den Anfangsbuchstaben teilt.

Einmal bat ich dich um eine Zeichnung für ein Logo für mich. Ich war schon lange dem Kindesalter entwachsen, doch für dich hatten wir kein Alter. Wir ließen dich schätzen, wie alt wir waren, doch du hattest jedes Gefühl für Zeit und Alter verloren. Also maltest du ein Logo für mich mit einem Chamäleon. Wo waren deine Ideen, deine Schnelligkeit, deine Spontanität geblieben? Was hatte ich mit einem Chamäleon zu tun? Heute laufe ich fast täglich an dem gigantischen Graffiti auf dem Dach am Eingang der Hauptstraße meines Viertels vorbei. Und so als sei es immer bei mir gewesen, glotzt es mich von dort oben halb vorwurfsvoll, halb gleichgültig an, als wollte es mir sagen: „Schicksal, das mit uns. Aber bitte mach jetzt kein Drama draus.“ Ich halte inne und bewundere die bunten Facetten des Tieres. Die Augen, die auf der Straße nach Beute suchen, und der Greifschwanz, der sich zu einem schönen Ornament kringelt. Dann werde ich wieder ganz Flaneur, lasse das Tier dort oben zurück und schlendere durch die Gassen und denke über mich und das Chamäleon nach. Diese auffällige Unscheinbarkeit. Das ist es doch, was dieses Tier ausmacht, und was dich dazu inspiriert hat, es zu malen. Berühmt dafür, sich zu tarnen und seine Hautfarbe an die Umgebung anzupassen. Berühmt dafür, unsichtbar zu werden. Berühmt dafür, unerkannt zu bleiben. Berühmt dafür, nicht gesehen zu werden. Und dennoch. Aus Afrika kommend, in Europa nur im Zoo zu sehen, in meinem Viertel wie in meinem Namen allgegenwärtig. Dank dieser Zeichnung, die mich als Kind immer begleitete, kenne ich deinen Namen. Doch über deinen Namen hinaus bist du nichts als ein Rätsel. Ein Lebewesen, das ich nie gesehen habe, ein Lebewesen, das hier nur eingesperrt überlebt, ein Lebewesen, dem ich so fremd bin wie es mir. Doch ich kenne deinen Namen und bilde mir ein zu wissen, was du bist. Ich benenne dich und erkenne mich und weiß doch nichts von dir und mir.