8961955131_5b1553c72e_oFrauenlobstraße, Mainz
Sprayer: Unbekannt, Text: CF Faust

Die Stimme der Traurigkeit 12

Weißt du eigentlich, wie viele Leute dich kennenlernen möchten? Viele. Viele Leute, möchten dich gerne kennenlernen. Sie sind neugierig. Sie sind neugierig und würden gerne wissen, wer du eigentlich bist. Ich höre sehr oft, wie über dich gesprochen wird, und immer geht es darum, dass die Menschen sich fragen, wer du eigentlich wirklich bist. Als ob du nicht wirklich wärst. Sie reden so über dich, als ob du nicht wirklich wärst. Dabei bist du ja da. Meistens zumindest. Oft ist es auch so, dass du dagewesen bist, und dann bist du auf einmal verschwunden. Aber dann gibt es immer diese Beweisfotos, die an dich erinnern. Das ist gut. Dass man sich an dich erinnert. Obwohl du schon relativ alt bist. Mir geht es auch oft so, dass ich an dich denken muss, auch wenn du nicht mehr da bist. Aber das ist bei mir immer so. Dass ich an Menschen denke, die nicht mehr da sind. Ich denke auch oft an Menschen, die einfach nur gerade im Moment nicht da sind. Das ist so meine Art. Meine Art ist es, an Menschen zu denken, die gerade nicht da sind. Aus den Augen aber im Sinn. Sie sind mir im Sinn. Diese Menschen. Die gerade nicht da sind. Wenn ich die Leute dann sehe und sie vor mir stehen, dann verhalte ich mich manchmal sehr oberflächlich. Das mag ich gar nicht an mir. Wenn ich die Leute sehe, dann sage ich viele Dinge, die ich eigentlich gar nicht sagen will. Oder ich sage gar nichts. Das ist auch manchmal so. Manchmal sage ich einfach gar nichts, obwohl ich eigentlich so viel sagen möchte. Ich bin dann oft sehr unzufrieden mit mir. Ich bin ein sehr stiller Mensch. Ab und zu habe ich so meine Hochphasen, da bin ich ganz unterhaltsam. Da bin ich ganz Feier. Aber meistens bin ich doch sehr für mich. Ich brauche auch sehr viel Zeit für mich. Ich glaube wir sind uns da sehr ähnlich. Oft schlendere ich nachts durch die Straßen. Wenn ich in Gesellschaft war, schlendere ich danach gerne durch die Straßen. Ich mag es sehr gern, alleine nach Hause zu laufen. Da kann man die Einsamkeit so richtig spüren. Da kann man die Einsamkeit so stark spüren, dass man meinen könnte, man wäre mit ihr vereint gar nicht mehr alleine. Und dann hat man viel Zeit alles zu reflektieren. Da kann man dann im Kopf alle Gespräche noch einmal erleben. Dann kann man alles besser machen. Im Kopf kann man sich dann ausdenken, was man hätte sagen sollen, was man hätte sagen wollen, was man hätte sagen können. Da spielen sich dann tolle Szene ab. Wenn man alleine durch die Straßen läuft und man den Abend in Gesellschaft reflektiert, dann kann man alles noch mal erleben. Dann kann man alles besser machen. Da kann man über jede Situation nachdenken. In Ruhe kann man da über jede Situation noch mal nachdenken. Dann kann man sich nachträglich in ein besseres Licht rücken. Man kann sich besser in Szene setzen. Man kann sich so denken, wie man sich besser gefällt. Oft gehe ich ganz andere Wege nachts. Nachts, gehe ich ganz andere Wege als tagsüber. Nachts gehe ich zum Beispiel immer an dieser schönen Buchhandlung vorbei. Es ist eine Buchhandlung mit einem Café zusammen. Es ist beides in einem. Da kann man einfach ein Buch lesen und dann einen Kaffee bestellen. Das fand ich schon immer eine tolle Idee. Und es sieht so gemütlich aus. Im Sommer stehen immer einige Stühle draußen. Und drinnen ist eine gemütliche Leseecke. Es ist ein sehr gemütliches Café diese Buchhandlung. Aber tagsüber, da traue ich mich nicht hinein. Ich kann es gar nicht genau erklären warum. Tagsüber traue ich mich einfach nicht hinein. Ich bin nicht selbstbewusst genug. Nur wenn ich meine Hochphasen habe. Dann gehe ich daran vorbei. Dann lächle ich dem Inhaber zu. Das ist dann immer ein toller Moment. Wenn ich mal den Mut dazu habe, an dem Laden vorbeizugehen. Und ich dann auch noch den Blick von dem Ladeninhaber erhasche. Und wenn ich ihm dann zulächle. Das ist ein toller Moment. Das ist ein intensiver Moment. Ich weiß noch, wie die Buchhandlung vor Jahren öffnete. Damals ging ich jeden Tag an ihr vorbei. Als sie noch nicht da war, ging ich jeden Tag an dieser Ecke vorbei. Und dann waren auf einmal einige Leute dort am Aufbauen. Da wurde die Buchhandlung eingerichtet. Und ich lief an einigen der Männer vorbei, die dort aufbauten. Und dann sagte ich „Grüß Gott“. Einfach so. Ich lief an den Männern vorbei und sagte „Grüß Gott“. Das war ein merkwürdiger Moment. Aber die Männer gefielen mir. Und da grüßte ich sie eben. Als die Buchhandlung dann längst in Gang war und schon viele Leute dort ihren Kaffee tranken, da lief ich immer noch an ihr vorbei, ohne den Mut zu haben, hinein zu gehen. Und dann gab es da diesen Regentag. Das weiß ich noch sehr genau. Da musste ich schnell nach Hause. Da hatte ich einen Termin und musste deshalb ganz schnell nach Hause. Und dann hat es so stark geregnet. Ich hatte keinen Regenschirm. Es regnete in Strömen und ich hatte keinen Regenschirm. So schnell ich konnte stellte ich mich bei der nächsten Möglichkeit unter. Ich suchte Schutz. Vor dem Regen. Die Buchhandlung war die erste Möglichkeit, Schutz zu finden. Ich fand es irgendwie romantisch. Wie ich dort, schutzsuchend in der Eingangstür der Buchhandlung stand, und dann der Inhaber kam und mir einen Kaffee anbot. Das war wirklich nett von ihm gewesen. Es war eine richtige Szene, die sich dort abspielte. Eine Szene aus einem romantischen Film. Einem kitschigen romantischen Film. Ich sagte noch, dass ich keine Zeit für einen Kaffee hatte. Und dass ich nun durch den schlimmen Regen musste. Ich musste da durch. Wegen dem Termin. Ich musste durch den schlimmen Regen, obwohl ich aus Zucker war. Ich sagte das damals so. Ich bin doch aus Zucker, sagte ich. So etwas Blödes. Aber es fiel mir so in dem Moment ein. Er antwortete auch irgendetwas darauf. Sicherlich war es genauso komisch. Die Antwort war bestimmt genauso verrückt, wie meine Aussage. Was man da so alles in solchen Momenten sagt. Verrückt ist das. Und es macht meistens nicht viel Sinn so im Nachhinein. Ich verabschiedete mich und ging durch den Regen. Obwohl ich aus Zucker war. Zuhause ärgerte ich mich ganz fürchterlich, dass ich den Kaffee nicht angenommen hatte. Und den Termin sagte ich ab. Es dauerte eine lange Zeit, bis ich wieder an dem Laden vorbeigehen konnte. Ich hatte keine Kraft dazu. Ich lief tagsüber immer einen anderen Weg. Nachts, lief ich dann manchmal an dem Laden vorbei, und spielte im Kopf die Szene durch, um zu überlegen, was ich hätte besser machen können. An dem Regentag damals. Es verging Zeit. Dann wagte ich einen neuen Schritt. Es gab da so eine Zeit, da hatte ich ganz viel Selbstbewusstsein. Das war eine tolle Zeit. Da war ich voller Energie. Voller Macht und Energie. Über mich selbst meine ich. Da traute ich mich was. Da war ich ja auch alleine. Und wenn man alleine ist, dann ist man so gezwungen, auf sich selbst aufzupassen, dass man automatisch selbstbewusster wird. Wenn man mit jemandem ist, dann kann man sich ja ganz schnell unterordnen und führen lassen. Damals, als ich so voller Energie und Macht war, wagte ich einen neuen Schritt, und ging in die Buchhandlung. Ich bestellte dort ein Buch. Ein Buch, von dem ich den Titel vergessen hatte. Das ist ganz schön schwer, ein Buch zu bestellen, von dem man den Titel nicht mehr weiß. Aber ich brauchte das Buch dringend. Und so schafften wir es endlich, das Buch, von dem ich den Titel nicht mehr wusste, zu bestellen. Es war eine schöne Situation. Der Laden war sonst leer. Und es war schön, wie ich da zusammen mit dem Inhaber nach dem Buch suchte. Wir suchten gemeinsam nach dem Buch. Es war schön, dieses gemeinsame Wir für eine kurze Zeit zu spüren. Und am nächsten Tag, da konnte ich es abholen. Ich ging also zweimal in den Laden. Einmal um ein Buch zu bestellen und einmal um es abzuholen. Ich hatte es wieder eilig. Dann war ich wieder schneller aus dem Laden heraus, als ich hineingekommen war. Heute wünschte ich, ich hätte mich länger unterhalten. Heute wünschte ich, ich würde nicht immer so eilig unterwegs sein am Tag. Das ist so eine blöde Art von mir. Sich keine Zeit zu lassen bei so etwas. Eigentlich, war damit der erste Schritt getan. Ein Buch dort zu bestellen. Ich hatte es gewagt, in den Laden hineinzugehen. Ich hatte den Laden erobert. Für mich. Ich hatte meine Angst vor dem Laden besiegt. Aber dann sah ich den Ladeninhaber einmal nicht in seinem Laden. Ich sah ihn woanders. Ich sah ihn mit Kindern. Er hatte sehr hübsche Kinder. Wie aus einem Astrid-Lindgren-Film, so hübsch waren die Kinder. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als auch Kinder zu haben. Aber ich war alleine. Und er war mit Kindern. Und sicherlich hatten diese hübschen Kinder auch eine hübsche Mutter. Ich freute mich für ihn, dass er ein so schönes Wir war. Doch ich konnte unmöglich noch einmal in den Laden gehen. Ich wäre dahin gegangen, um mich selbst zu betrügen. Um für einen ganz kleinen Moment, ein Wir zu fühlen. Und das hätte ich ja nicht mehr gekonnt. Weil er ja schon eines war, nur eben ohne mich. Es ist schwer zu erklären. Aber ich lief bestimmt Jahre danach noch einen anderen Weg nach Hause. Manchmal, wenn es die Zeit nicht anders erlaubte, und ich dieses Aufblitzen von Energie und Macht in mir spürte, dann ging ich an dem Laden vorbei, und zwinkerte ihm zu. Das waren tolle Momente. Wenn ich es schaffte, ihm ein Lächeln zu schenken. Das war dann so eine Entschuldigung. Dafür, dass ich meine Bücher nicht mehr bei ihm bestellte. Deshalb schenkte ich ihm ab und zu ein Lächeln. Und er grüßte mich auch manchmal. Das war für mich immer ein Gewinn. Sicherlich findet er mich komisch. Sicherlich bedeutet ihm das Lächeln gar nichts. Davon wird er ja auch nicht reich. Ich würde gerne meine Bücher bei ihm bestellen. Aber mir fehlt die Kraft dazu. Es ist auch so ein Laden, wo nur bestimmte Leute hingehen. So bestimmte Leute, die so viel Selbstbewusstsein haben. Die sehen oft so jung und selbstbewusst aus. Und wenn man dann mal dran vorbeigeht, dann gucken die immer so. Die schauen dann manchmal so unangenehm, dass man immer warm angezogen sein muss. Da muss man richtig eine zweite Schicht Kleidung anziehen, um sich vor den Blicken zu schützen. Ich bewundere es manchmal, wie sich die Leute dort einfach so wohlfühlen können. Zum wohlfühlen muss man sich doch unbeobachtet fühlen. Und das ist bei diesem Platz gewiss nicht so. Dort ist man gewiss nicht unbeobachtet. Es ist auch wegen den anderen Geschäften dort so. Diese Atmosphäre. Es sind so viele junge Leute da. Ich denke, ich mag junge Leute nicht so. Du würdest jetzt sicher sagen, dass ich auch noch jung aussehe. Vielleicht. Aber das kann ja auch täuschen. Ich fühle mich nicht mehr jung. Ich hab schon so viel durchdacht. Nicht, dass ich schlau bin. Aber denken tu ich doch sehr viel. Ich erzähle dir das alles hier, weil ich denke, dass du mich verstehst. Wieder so eine Sache, die ich denke. Ich denke, dass du auch so bist wie ich. Das du nachts andere Wege gehst als tagsüber. Und ich denke, du tust es aus dem gleichen Grund wie ich. Wegen solchen Geschichten. Heute habe ich immer einen Regenschirm bei mir. Einsam fühle ich mich sicherer.