11325424_831626476892899_1390241716_nSprayer: Unbekannt
Text: CF Faust

Die Stimme der Traurigkeit 13

Manchmal, wenn ich mich in der Stadt so durch die Menschmassen treiben lasse, dann fühle ich mich grotesk. Es ist wirklich so. Wenn ich durch die Menschenmassen in der Stadt getrieben werde, dann fühle ich mich grotesk. Es ist dann, als ob mein Körper, gar nicht wirklich mein Körper ist. Ich weiß dann auch nie genau, wer da eigentlich wen antreibt. Es fühlt sich an, als ob ich es gar nicht selbst bin, die da durch die Menschenmassen geht. Dabei sind es ja meine Füße, die da gehen. Meine Füße und meine Beine gehen dort. In den Straßen in der Stadt, da sind es meine Füße und meine Beine die gehen. Sie sind in Bewegung. Der gesamte Bewegungsapparat meines Körpers ist da in Gang. Er ist da im Gehen begriffen. Der Bewegungsapparat ist in Gang und geht. Er geht durch die Straßen der Stadt. Dort zwischen den anderen Menschen. Zischen den anderen tausend Menschen. Zwischen den anderen tausend Menschen einer Stadt, gehe ich mit ihnen dahin. Weil sie mit mir gehen, und weil ich in gewisser Weise mit ihnen gehe, gehen wir zusammen. Die Menschen und ich. Ich kenne diese Menschen nicht. Es ist eine Masse von Menschen, die ich nicht kenne. Es ist eine anonyme Menschenmasse, die da mit mir in den Straßen der Stadt in Bewegung ist. Und ich mittendrin. Solche Menschenmassen kennt Mainz nur an besonderen Tagen. Diese besonderen Tage kennt Mainz nur einmal im Jahr. Einmal im Jahr sind dann in dieser Stadt Mainz alle auf der Straße. Sie verkleiden sich dann. Dann ist in den Straßen eine verkleidete Masse von Menschen. Und ich bin jedes Mal mittendrin. Mein Körper. Mein Körper ist da, einmal im Jahr unter diesen Massen von Menschen. Mein Körper lässt sich dort treiben. In der Masse lässt sich mein Körper treiben, in der Masse wird mein Körper getrieben, von der Masse wird mein Körper angetrieben, mein Ich dabei vertrieben. Einmal im Jahr, wenn sich alle auf der Straße verkleiden, dann bin ich Teil der Masse. Es ist gar nicht schlimm, dass mein Ich dort vertrieben wird. Ich habe ja auch eine Maske an. Einmal im Jahr bin ich Teil der Masse und trage wie die anderen eine Maske. Dadurch, dass ich wie die anderen eine Maske trage, vertreibe ich sogar selbst mein Ich. Es wird von der Masse vertrieben, mein Ich, doch ich akzeptiere das. Ich suche ja die Masse, damit mein Ich vertrieben wird. Mein Körper fühlt sich dann irgendwie grotesk an. Ohne Ich, fühlt sich mein Körper grotesk an. Da bin ich froh, dass ich die Masse habe. Die schützt meinen Körper. Ich ziehe mich in der Masse zurück. Dort kennt mich niemand. In der Masse bin ich anonym. Auch dank meiner Verkleidung. Dort bin ich nicht ich. Aber ich habe meinen Körper. Und das tut gut, mal meinen Körper zu spüren. Ich brauche das. Einmal im Jahr, da tauche ich ab, in der Masse, nur um meinen Körper zu spüren. Dank der Maske schaffe ich das. Ich kann innerhalb der Masse mein Ich vertreiben und Körper sein, wegen der Maske, die ich trage. Denn hinter der Maske werde ich ein Anderer. Aber es geht mir gar nicht darum, ein Anderer zu werden. Ich will mich ja gar nicht von meinem Ich für immer trennen. Ich suche es ja eigentlich immer wieder. Mein Ich. Eigentlich, befinde ich mich, seitdem ich hier lebe, immer schon auf der Suche, nach meinem Ich. Das ist eine sehr anstrengende Suche. Und ich habe das Gefühl, es ist eine Suche, die ich nie beenden werde. Das beängstigt mich. Die Suche, die nie zu Ende sein wird, beängstigt mich. Ich denke schon, dass ich finden werde, was ich suche. Ich denke nur, dass ich dann immer wieder etwas Neues suchen werde. Das beunruhigt mich etwas. Dass ich während der Suche schon weiß, dass ich immer suchen werde. Weil das mein Ich eben ist. Ich bin suchend. Ich bin Suche. Ich-bin-Suche. Einmal im Jahr kann ich mich davon erholen. Von dieser Suche. Einmal im Jahr, wenn alle Menschen auf die Straße gehen, um als Teil einer Masse sich zu verkleiden, da erhole ich mich, von dieser Suche. Das tut gut. Hinter der Maske kann ich innehalten in der Suche. Ich kann auch ein Anderer werden, wenn ich das will. Aber darum geht es mir gar nicht. Ich will ja eben nicht jemand sein. Dann müsste ich ja wieder suchen, wer dieser Jemand sein sollte. Nein. Ich will einfach nur Körper sein. In dem Moment, in dem ich Teil der Masse auf den Straßen der Stadt bin, da will ich Körper sein. Und das werde ich. Einmal im Jahr, da werde ich das. Hinter einer Maske. Es tut gut dabei, sich in Rausch zu versetzen. Dann ist es einfacher, das Ich zu vertreiben. Es wird ja sowieso schon von der Masse vertrieben. Aber man muss es auch selbst loslassen. Das ich. Es reicht nicht, es einfach der Masse zu überlassen. Das Vertreiben muss man schon auch selbst in die Hand nehmen. Man muss sich dafür entscheiden, es zu vertreiben. Dabei hilft dann ein ordentlicher Rausch. Das Loslassen wird so einfacher. Wenn dann so alles um einen herum Masse wird, wenn dann der Lärm und die Musik eine Masse an Geräuschen wird und die Gesichter sich um einen herum drehen, sodass man sie nicht mehr erkennen kann, dann kommt man einander näher, ohne sich zu treffen, gleichzeitig entfernt man sich voneinander, ohne den anderen zu verletzen. Es ist so eine vorsichtige Art von Berührung, die da in der Masse praktiziert wird. Da will niemand Niemanden beachten und niemand Niemanden verachten. Es ist ein sehr vorsichtiger Umgang miteinander dort, in der Masse. Die Menschen sind dort keine Menschen mehr. Sie sind dort Körper. Es kommt dann schon vor, dass sich die Körper in die Quere kommen. Dann kommt es schon einmal zu einem Kräfteausprobieren. Aber dazu kommt es doch nur wegen der Körper. Es sind die Körper, die sich ausprobieren wollen, die da Kräfte messen, die sich da aneinander reiben wollen, weil sie den vorsichtigen Umgang nicht gewohnt sind. Die Körper suchen nach Kräften, nach anderen Körpern, an denen sie sich reiben können. Das geht viel besser, wenn das Ich zuvor weggeschickt wurde. Ich sehne mich an den Moment zurück, an dem ich dort in der Masse stand, als sich die Gesichter um mich herum drehten, und ich mein Ich vertrieben habe. Das war ein tolles Gefühl. Ich glaube, ich war gar nicht alleine dort. Es ist sehr wichtig, dass man in solchen Massen nicht alleine ist. Sein Ich wegzuschicken, kann sehr gefährlich werden. Das andere ihr Ich wegschicken, kann auch sehr gefährlich werden. Da ist es sehr wichtig, dass man nicht alleine ist. Es schadet nicht dort, in der Masse einen Körper neben sich zu haben, der hinter seiner Maske, im Notfall wieder Jemand werden kann, damit man nicht alleine ist. Es ist so eine Sicherheit. Wenn man in der Masse nicht allein sein will, und man deshalb Jemanden bei sich hat, dann ist das so eine Sicherheit. Da kann man dann auch besser sein Ich wegschicken. Dann weiß man, dass noch Jemand da ist, der einem das Ich im Notfall wieder mitbringt. Ich habe oft mein Ich verloren. Ich habe es mir immer wieder gebracht. Und im Nachhinein, wenn ich daran zurückdenke, wird mir bewusst, dass, obwohl ich es weggeschickt habe, obwohl ich verzweifelt versuchte, es zu vertreiben, es immer da gewesen ist. Aber ich kenne andere, da ist es nicht so. Da denke ich von außen, oje, da ist kein Ich mehr da, da ist‘s ganz schön weit weg vertrieben worden. Manchmal gelingt es mir, das Ich dem Anderen dann wiederzubringen. Es für ihn wieder einzuholen. Wenn man selbst immer Ich bleibt, während der andere nebendran sein Ich verliert, dann kann man das. Dann kann man das Ich von dem Anderen wieder zurückholen. Aber vielleicht funktioniert das nur von außen betrachtet. Da bin ich mir nicht so sicher. Das könnte sein. Dass das immer nur von außen betrachtet funktioniert. Vielleicht ist der Körper ja doch nur Körper. Von außen sowieso. Aber dort, in der Masse, da, einmal im Jahr, hinter der Maske, da kann man‘s bestimmt. Ich meine Körper sein. Einfach nur Körper sein. Das hab ich schon erlebt. Das ist so ein groteskes Phänomen. Auf einmal, da wird einem schlecht, dann dreht sich alles, und das Gesicht fängt an zu glühen. Das liegt daran, dass man da einmal im Jahr hinter der Maske, nur noch Körper ist. Da ist man dann nicht mehr Ich, da ist man nur noch Trieb. Und Trieb sein, dass ist wirklich nicht poetisch. Nein. Poetisch ist es ganz und gar nicht. Wenn ich dann abends zurückkomme, dann bin ich ganz krank. Dann gefalle ich mir gar nicht mehr. Mein Ich braucht danach immer erst ein wenig Zeit, bis es wieder zu mir kommen mag. Es ist dann immer ein bisschen zickig. Und dann bleibt es immer noch etwas fort von mir. In der Zeit regeneriert sich mein Körper dann. Mein Körper ist jedes Mal ziemlich mitgenommen, vom Körper-Sein. Vom Trieb-Sein. Mein Kopf dröhnt dann ganz schrecklich. So als würde man mit einem Hammer dagegen schlagen, so schlimm. Und meine Ohren, die pfeifen von dem Lärm der Massen. Das ist wirklich unangenehm. Meine Glieder sind schwer, meine Beine schmerzen und mein Magen, mein Magen, der befindet sich lange danach noch im Krieg. So ist das Körper-Sein doch ganz schön anstrengend. Was da so alles passiert, ist dem Ich dann so peinlich, dass es erst einmal fernbleibt. Aber kommt es dann wieder, dann geht es los mit den Erinnerungen. Da wird dann alles zum ersten Mal bewusst erlebt. Da ist es dann gut, dass man in der Masse nicht alleine war. Denn danach, da hat man sich viel zu erzählen. Das ist jedes Mal ein Fest. Was da der Eine so erlebt hat. Da ist es dann gut, wieder Ich zu sein. Da wird dann der Körper wieder ein Jahr lang zurückgestellt. Das muss dann auch sein. Ich-Sein ist weniger anstrengend. Ich-Sein bedeutet weniger alleine sein. Ich bin mit mir nicht allein.