Sprayer: Unbekannt, Text: CFFaust
Mainz, Saarstraße Universitätscampus

Die Stimme der Traurigkeit 11IMG_7928

Ich frage mich die ganze Zeit, wie das hier weitergehen soll. Ich werde mir ja selbst immer ähnlicher. Ich scheine mich ja zu wiederholen. Es wäre so schön, wenn sich das Ganze so wie ein Zyklus schließen würde. Einmal geografisch gesehen. Es wäre schön, wenn das Ganze hier, geografisch gesehen, einen Zyklus ergeben würde. Dann wäre der Anfang in der Neustadt. Der Höhepunkt vielleicht in Mainz-Kastel. Auf der anderen Rheinseite. Als großes Wagnis. Dahin kommen wir noch. Denn vorher würde ich mich bis hier oben, bis hoch zur Saarstraße ausdehnen. Das fände ich schön. Den Gedanken, dass ich mich ausdehne, nur um danach wieder zurückzukommen. Also müsste es auch in der Neustadt enden. Dann wäre es von der geografischen Struktur schon ein Zyklus. Aber thematisch? Thematisch will es sich einfach nicht fügen. Zu einem Zyklus. Es scheint mir eher, dass ich hier so die Gedanken in alle Winde verstreue. So wie Bakterien. Wenn man nießt. Ich denke, ich nieße meine Gedanken in die Gegend. Sicherlich gibt es da Themen, die immer wieder vorkommen. Die Einsamkeit. Das Ausgeschlossen-Sein. Vor allem die Einsamkeit. Und die Traurigkeit. Die natürlich auf jeden Fall. Aber ich fände es traurig, wenn das hier nur ein Zyklus aus trauriger Einsamkeit wird. Ich bin ja täglich von Menschen umgeben. Zumindest an manchen Orten. Und so gesehen, bin ich dort ja nicht alleine. Und ich habe ja auch mehrfach erwähnt, dass ich eigentlich ganz zufrieden bin, mit dieser Einsamkeit. Ich frage mich nur, wozu ich dann einen Heiligenschein tragen soll. Es hat so etwas gewollt Religiöses. Gut. Es gibt hier also thematisch gesehen keinen Zusammenhang. Außer eben diesen Motiven. Das muss man akzeptieren. Geografisch könnte man dann einen Zyklus darstellen. Aber das wäre ja viel zu konstruiert. Ich könnte ja auch in andere Richtungen nießen. Dann wäre es sicherlich kein Zyklus mehr. Aber halten wird das mal fest, das mit den zusammenhängenden Themen. Aber einen heiligen Schein? Wie soll das nun dazu passen? Natürlich bin ich religiös. Das ist doch klar. Wie könnte ich denn auch sonst diese Traurigkeit so mit Fassung tragen? Gar nicht. Das behaupte ich zumindest. Ich denke, dass vor allem religiöse Menschen Traurigkeit mit Fassung tragen. Ich denke, man will da auch beweisen, was man alles aushalten kann. Denn nur, wenn man gewisse Sachen erträgt, zeigt man ja auch, wie stark der eigene Glaube ist. Das klingt jetzt zwar wieder so, als wäre daran etwas Verwerfliches. Wenn man glaubt. Und deshalb stark ist. Das will ich nun aber auch wieder nicht gesagt haben. Aber ich will unbedingt klar machen, dass ich es wirklich abscheulich finde, dass ich hier so traurig einen heiligen Schein habe. Ich finde, das nervt. Traurig und heilig zugleich sein zu müssen. Da hat man doch direkt die Assoziation Maria. Traurigkeit und Heiligenschein, na das muss doch, na das ist doch, Maria. Dann nennen die mich Marie. Mainzer Mädchen Marie. Meenzer Meedsche Marie. Schrecklich ist das. Warum sie mich nicht einfach das traurige Mädchen nennen können. Die kennen mich doch gar nicht. Die wissen doch gar nicht, wer da eigentlich hinter mir steht. Und ich kann euch sagen, da steht jemand hinter mir. Aber Hallo, steht da jemand hinter mir. Und was für ein Jemand. Da ist einmal mein Schöpfer. Den kenne ich leider nicht. Ein begabter Sprayer. Aber einen Namen hat er auch nicht. Also brauche ich auch keinen. Eine Stimme habe ich bekommen. Das hat nichts mit meinem Schöpfer zu tun. Aber ich finde die Stimme der Traurigkeit passte einfach wie die Faust aufs Auge sozusagen, auch wenn die da nicht hingehört. Ich denke, wenn ich eine Stimme hätte, dann würde ich mich gegen den Namen Marie wehren. Warum die Menschen immer so gezwungen werden, allem einen Namen zu geben. Dabei kann man doch auch einfach mal so etwas akzeptieren, wie es eben ist. Traurig bin ich. Und ein Mädchen. Sollen sie mich also das traurige Mädchen nennen. Aber Marie? Ich kann ja schon froh sein, dass ich nicht Maria genannt werde. Bloß weil da mal irgendwo ein Heiligenschein über mich drüber gemalt wurde, soll ich auf einmal Maria genannt werden. Also ich werde euch keinen Messias gebären. Da muss ich euch direkt enttäuschen. Ich finde, ich habe es schon schwer genug. Ich finde, ich tue schon genug für euch. Da muss ich euch nicht auch noch den Retter der Welt bringen. Aber der Gedanke wäre schon schön. Wenn ich einen Sohn bekommen würde. Wenn ich einen Sohn bekommen könnte, das wäre toll. Verwandte habe ich ja schon. Freunde ja auch irgendwie. Und Haustiere. Einen kleinen Vogel habe ich mal geschenkt bekommen. Und kleine Mäuse mit riesigen Beinen. Das ist dann schon eine schöne Abwechslung. Wenn ich mal ein Tier geschenkt bekomme. Sonst sind es Luftballons. Oder auch mal eine Blume. Manche sagen, dass auch diese komische Fingerfigur mit mir verwandt ist. Die, die aussieht wie ein Penis. Nur mit einem Gesicht. Also ehrlich. Das finde ich einfach nur hässlich und abstoßend. Und ziemlich sexistisch. Aber ja, ich denke, er gehört zur Familie. Die kann man sich ja leider nicht aussuchen. Aber Fakt ist doch, dass ich im Grunde gar nicht so alleine bin, wie ich es immer behaupte. Außerdem habe ich da noch ne ganze Menge Buchstaben hinter mir stehen. Da staunt ihr. Ja, ich habe Buchstaben hinter mir stehen. Und Buchstaben sind mächtig. Buchstaben sind so richtig stark. Ich habe ein B und ein W hinter mir stehen. Die stärken mir den Rücken. Aber unter uns gesagt, mag ich die zwei Buchstaben nicht so. Viel lieber mag ich die Buchstaben O und L. Die liebe ich. Zu diesen Buchstaben habe ich eine richtige Verbindung. Doch, ich denke, sie sind meine einzige Liebe. Und was ich daran besonders toll finde, ist, wenn ich das auf Englisch formuliere, dann passt das richtig perfekt. One Love. O L. Die Buchstaben O L sind für mich die eine Liebe. Dass man da so einen Zusammenhang herstellen kann. Also selbst wenn ich nicht mit diesen Buchstaben verwandt bin, muss ich das jetzt mal hier bekennen, bin ich verliebt in sie. Und es fühlt sich für mich so an, als ob sie hinter mir stehen. Wirklich. Ich könnte jetzt auch noch Namen nennen. Aber das will ich nicht. Also Namen will ich wirklich nicht nennen. Namen sind Schall und Rauch. Ich bin einfach eine Figur. Und Figuren sollte man nicht mit Namen in Verbindung bringen. Nur mit Buchstaben. Oder mit ihrem Wesen. Ich bin ein Mädchen, also nennt mich Mädchen. Ghost in Frankfurt heißt ja auch einfach nur Ghost und wird nicht mit irgendwelchen Namen in Verbindung gebracht. Von ihm habe ich noch nicht erzählt? So ist das mit dem heiligen Schein. Da spiele ich hier das einsame und traurige Mädchen, ohne von meinem Cousin zu erzählen. In Frankfurt, da lebt mein Bruder Ghost. Er ist auch so eine Figur wie ich, nur eben ein Geist. Ghost nennt er sich. Er ist ein Geist also nennt er sich Ghost. Englisch hilft da manchmal sehr, um so ein Brücke zu schlagen. Es hat ja auch bei den Buchstaben O und L geholfen. Meinen Cousin Ghost müsst ihr unbedingt kennenlernen. Den müsste man auch mal vorstellen. Solche Figuren muss man einfach zu Wort kommen lassen. Buchstaben können ja für sich allein sprechen. Aber Figuren nicht. Wobei die auch so ihre eigene Kommunikation haben. Die Figuren. Die äußern sich gerne über Emotionen. Aber in meinem Fall, hat man ja gesehen, dass da vieles falsch gedeutet wird. Wie meine Traurigkeit zum Beispiel. Die ja da ist. Aber eben nicht heilig ist. Ich bitte darum. Meine Traurigkeit ist da, aber sie ist nicht heilig. Weg mit dem heiligen Schein. Der ist nur für Maria. Oder die anderen Heiligen. Meinetwegen. Aber ich, ich bin wirklich nicht heilig. Ihr würdet euch manchmal wundern, wozu ich fähig bin. Ich bin ja schließlich nicht legal unterwegs hier. Das sollte man mal bitte nicht vergessen. Auch wenn ich so unschuldig aussehe. Man sollte mich nicht unterschätzen. Wie ich mich jetzt wieder darstelle. Das ist natürlich auch nicht ganz in Ordnung. Aber es ist mir lieber, die Leute haben Angst vor mir, als dass sie mich für heilig erklären. Das kann ich so gar nicht gebrauchen. Also fassen wir das mal zusammen. Ich bin religiös, aber das nur für mich. Mich anzubeten ist verboten. Denn das mag ich gar nicht.