Ich bild Mädchen2Sprayer: Unbekannt, Text: CF Faust
Mainz, Wallaustraße

Die Stimme der Traurigkeit 9

Ich war glücklich mit dir. Ich war nicht ganz ich und du warst nicht ganz du, aber ich war glücklich mit dir. Wir verbrachten sorgenlose Jahre. Da wir sorgenlose Jahre miteinander verbrachten, kann man doch sagen, dass wir glücklich waren, oder? Obwohl wir nicht ganz wir selbst waren. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, dann war es eine farbenfrohe Zeit. Du warst sehr unternehmungslustig. Wir unternahmen sehr viel miteinander und es war immer sehr schön. Romantisch war es auch. Vor allem die Mitternachtsspaziergänge im Wald waren sehr romantisch. Oder unsere Ausflüge zu den Rhein-Inseln. Das war toll, als wir dort am Rhein ein Lagerfeuer machten und dann einfach so dort übernachteten. Wir hatten für diesen Ausflug Essen mitgebracht. Du warst immer sehr gut vorbereitet, was das Essen angeht. Du warst ein sehr guter Koch. Erinnerst du dich an diese Orange? Damals, als wir am Rhein übernachteten beim Lagerfeuer, da war diese Orange so lecker. Es war unglaublich, wie lecker saftig und süß diese eine Orange war. Du schältest sie mit einem riesigen Messer. Ein Messer, das du für solche Abenteuer immer bei dir trugst. Mit diesem Messer schältest du die Orange. Und sie war so lecker, saftig und süß. Es hat bestimmt an der frischen Luft gelegen, dass die Orange so lecker war. Wir waren ja den ganzen Tag an der frischen Luft gewesen. Waren im Rhein schwimmen gegangen. Hatten uns gesonnt, gelesen, erzählt und dann Holz gesammelt für ein Lagerfeuer. Das war wirklich ein romantischer Tag gewesen. Natürlich hatten wir dann, am Lagerfeuer, miteinander geschlafen. Es war wirklich schön gewesen, am Lagerfeuer mit dir zu schlafen. Trotzdem fehlte etwas. Ich kann es nicht genau beschreiben was. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern. Aber an den Geschmack der saftigen Orange, daran erinnere ich mich noch. An den Geschmack deiner Lippen erinnere ich mich nicht mehr. Es ist ein wenig schade, dass ich mich nicht mehr an deine Lippen erinnere. Ich denke, wir liebten uns beide nicht stark genug. Damals am Lagerfeuer, war unser Liebe zu schwach. Das denke ich heute. Damals war ich wie im Rausch. Ich erinnere mich auch noch an unseren Urlaub. Dort haben wir auch unter freiem Himmel geschlafen. Doch dort haben wir jeder für sich in seinem Schlafsack gelegen. Dort, bei diesem Urlaub. Ich erinnere mich nicht mehr an das Dort. Vielleicht waren wir auch zu bequem geworden. Ich denke, wir waren beide zu bequem geworden bei unseren Abenteuern. Ich denke, wir waren verwöhnt von unseren Abenteuern. Wir waren ein tolles Paar, das mussten wir uns nicht mehr beweisen. Da waren wir auch glücklich, während wir beide, jeder für sich in einem Schlafsack, unter freiem Himmel lagen. Ich bin dir dankbar für die vielen Abendteuer. Ich bin dir dankbar für die vielen Abenteuer an der frischen Luft. Dafür bin ich dir wirklich dankbar. Uns wurde vier Jahre lang nicht langweilig an der frischen Luft. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dich auch von drinnen besser kennenzulernen. Wir kannten uns besser von draußen. Von drinnen blieben wir uns unbekannt. Du warst mir unbekannt. Ich weiß bis heute nicht, wie du bist, drinnen. Dabei warst du viel mehr ein Drinnen-Mensch. Glaube ich. Du warst ja auch immer bei mir. Nur ich nie bei dir. Aber das ist ein anderes Thema. Und ich will jetzt hier nicht wieder alles schlecht reden. Eigentlich ist ja alles in Ordnung gewesen in den vier Jahren. Es gab ja nie Grund für einen Streit. Und wenn es einen Grund gab, dann war es dieser eine, und dann war der so grundlegend, dass es gleich um ein Ende unserer Beziehung ging. Deswegen haben wir ihn einfach ignoriert, diesen Grund. Wir haben einfach nicht darüber gesprochen. Das ging vier Jahre lang wirklich gut. Das ist manchmal der Trick bei langen Beziehungen. Das Verdrängen. Das Runter-Schlucken. Das Nicht-Klären. Es funktionierte wirklich gut bei uns. Aber ich denke, es funktionierte so gut, weil wir uns nicht wirklich liebten. Wir waren da beide gleichwertig, im Nicht-Lieben. Deshalb ist es auch gar nicht schlimm, das auszusprechen. Es ist gar nicht schlimm, auszusprechen, dass wir eine Nicht-Liebe hatten. Wir wussten es ja damals nicht. Wir waren ja so abgelenkt von all den Abenteuern, dass wir gar nicht merkten, in einer Nicht-Liebe zu stecken. Erst, als du mich dann an der Ecke hast stehen lassen, wurde mir langsam bewusst, was wir für eine große Nicht-Liebe gelebt hatten. Ich trauerte um dich. Doch nicht sehr lange. Und dann merkte ich, dass ich dich nicht vermisste. Und, dass ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, wie deine Lippen schmeckten, als wir damals am Lagerfeuer miteinander geschlafen hatten. Da wusste ich auf einmal, dass auch ich dich nicht geliebt hatte. Aber es war dennoch eine tolle Zeit mit dir. Trotz der vielen Nicht-Liebe, war es eine tolle Zeit mit dir. Du hast mein Leben sehr bunt gemacht. Ja du hast mein Leben farbig gestaltet. Und wenn ich mich heute ganz doll anstrenge, dann meine ich, mich daran zurückzuerinnern, dass ich damals, als wir am Lagerfeuer miteinander schliefen, ein rotes Kleid mit grünen Punkten trug.