8999593365_08c0e8aef0_zText: CfFaust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 28

Bisher wurde ich immer als das traurige Mädchen gesehen. Aber ich bin viel mehr als das. Jetzt ist die Zeit gekommen, es endlich mal zu sagen. Es zu formulieren. Es auszusprechen. Denn ich bin Mutter. Auch wenn das niemand so sieht außer mir, bin ich Mutter. Ich fühle mich als Mutter. Sehe mich als Mutter. Bin Mutter. War Mutter. Will ohne Kind weiterhin Mutter sein. Mutter, eines verstorbenen Kindes. Mein Kind lebte in mir. Dort, wo mein Kind starb, lebte es. Das macht mich zur Mutter. Und so stehe ich hier, als Mutter. Nicht als trauriges Mädchen, sondern als Mutter. Als schwangere Frau. Ich stehe hier für alle Mütter, die auch Mütter waren und es jetzt nicht mehr sind. So stehe ich auch für die Löwen-Mutter. Die Löwen-Mutter ist eine Mutter, die für mich die stärkste Mutter der Welt ist. Sie ist eine richtige Löwin. Was das Mutter-Sein betrifft, ist die Löwin eine richtige Löwen-Mutter. Und ich will hier sein, um an sie zu erinnern. An sie als Mutter. Und somit will ich auch an ihr Kind erinnern. An Jonathan. Denn er hat ja gelebt. Jonathan hat gelebt. Die Löwin hat ihn getragen. Die Löwin trug Jonathan, ihr Kind, in ihrem Bauch. Denn die Löwin war seine Mutter. Und wäre Jonathan heute am Leben, dann würde er Mama zu der Löwin sagen. Aber Jonathan war krank. Das Kind der Löwin war krank. Schon in den ersten Monaten der Schwangerschaft erkannten die Ärzte, dass das Kind krank war. Die Ärzte wollten Tests an dem Kind durchführen. Tests, um zu schauen, welche Krankheit das Kind hatte. Bei diesen Untersuchungen hätte das Kind verletzt werden können. Bei diesen Untersuchungen, hätte das Kind krank werden können. Um zu untersuchen, ob das Kind krank ist, hätte man riskiert, dass das Kind krank wurde. Ein krankes Kind stirbt sehr schnell im Mutterleib. Aber die Löwin hat sich gewehrt. Die Löwin sagte, sie wolle keine Untersuchungen machen lassen. Sie wollte nicht, dass das Kind untersucht würde. Sie wollte, dass das Kind lebt. Denn jedes Kind verdient ein Leben. Auch wenn es krank gewesen wäre. Es wäre ja dann trotzdem ihr Kind gewesen. Es wäre ein krankes Kind gewesen, aber es wäre ihr Kind gewesen. Also wehrte sich die Löwin. Sie wehrte sich gegen die Untersuchungen an ihrem Kind. Jonathan wurde nicht untersucht. Zuerst kam die Nachricht, dass das Kind eine Behinderung habe. Die Löwin war darüber sehr traurig. Aber sie wollte ihr Kind trotzdem kennenlernen. Sie wollte ihm trotzdem Leben schenken. Es in sich tragen und es lieben. Es war ja ihr Kind. Auch wenn es eine Behinderung hatte. Dann kam die Nachricht, dass das Kind nicht überleben würde. Das Kind würde sterben. Noch in ihrem Leib würde das Kind sterben. Die Ärzte wollten die Geburt einleiten. Wozu denn das Kind weiterleben lassen, wenn es doch sowieso bald sterben würde, so die Ärzte. Die Geburt einzuleiten, erschien logisch. Aber die Löwin wehrte sich. Die Löwin wollte nicht, dass das Kind geholt wurde. Sie wollte nicht, dass das Kind zum Sterben geholt wurde. Jonathan blieb so wenig Zeit. Jonathan würde bald sterben. Da wollte die Löwin ihm so viel Zeit wie möglich schenken. Jonathan durfte bleiben. Jonathan durfte bei der Löwin bleiben. Er durfte leben. Er durfte bei seiner Mutter leben. Und er lebte. Jonathan lebte doppelt so lange, wie die Ärzte erwartet hatten. Das war ungewöhnlich. Die Ärzte waren verwundert. Normalerweise lebte ein Kind mit dieser Krankheit nicht so lange. Es sollte längst tot sein. Die Ärzte wollten dem Kind nichts Böses. Die Ärzte wollten nur das Beste für die Mutter. Die Ärzte wollten das Kind holen, damit es so leichter für die Mutter werde. Aber die Löwin wollte nicht, dass es leichter für sie wird. Sie dachte an ihr Kind. Sie wollte, dass ihr Kind alle Zeit des Lebens hatte. Und Leben ist schön. Aber leben ist nicht immer leicht. Und so trug die Löwin ihr Kind so lange, bis das Kind selbst entschied, wann es Zeit war zu sterben.
*
Es war eine schwierige Zeit für die Löwin. Die Mutter war sehr traurig und weinte viel. Denn sie rechnete ja jeden Tag damit, dass ihr Kind sterben würde. Doch dann dachte die Mutter über das Traurig-Sein nach. Auf einmal bekam sie große Angst. Wenn das Kind merken würde, wie traurig sie über ihr Kind war, dann würde das Kind ja auch traurig werden. Und vielleicht würde sich das Kind dann die Schuld daran geben, dass die Mutter traurig war. Und das wollte die Löwin nicht. Die Löwin wollte nicht, dass ihr Kind traurig war. Und so sammelte die Mutter viele positiven Gedanken und dachte dann an ihr Kind. Sie stärkte ihr Kind. Die Löwin stärkte ihr Kind durch ihre positiven Gedanken. So stark war die Löwin. Dass sie es trotz allem Kummer schaffte, ihr Kind zu stärken. Und immer wieder sprach die Mutter in Gedanken zu ihrem Kind. Lass dir Zeit, sagte sie. Nimm dir alle Zeit der Welt. Und wenn du doch die Kraft hast zu leben, dann freue ich mich so sehr auf dich. Dann ist alles für dich vorbereitet. Auch wenn du krank bist. Mach dir keine Sorgen. Das kriegen wir schon hin. Denn ich bin eine Löwin. Und Löwen sind stark. Aber wenn du keine Kraft mehr hast. Wenn du entscheidest, dass du nicht mehr leben möchtest. Dann werde ich traurig sein. Aber ich werde immer an dich zurückdenken. An dich, mein Kind, das dort, wo es gestorben ist, gelebt hat. Ich werde stark sein und dich zur Welt bringen. Auch wenn du gestorben bist. Nimm dir also so viel Zeit, wie du brauchst. Auch wenn du die Zeit zum Sterben brauchst. Zum Sterben braucht man Zeit. Wertvolle Zeit. Und auch ich brauche diese Zeit. Denn es ist eine Zeit des Abschiednehmens. Auch ich brauche diese Zeit, deine Zeit des Sterbens, um von dir Abschied zu nehmen. Jeden Tag stärkte die Löwin ihren Jonathan. Und so lebte Jonathan doppelt so lange, wie es die Ärzte angenommen hatten. Denn Jonathan spürte seine Mutter, die Löwin. Und durch die Kraft, die die Löwin ihm gab, lebte er doppelt so lange, wie er eigentlich gedurft hätte. Doch Jonathan war zu krank, um leben zu können. Und so starb Jonathan. Doch er hatte keine Angst vor dem Tod. Er war der Löwin dankbar, dass sie ihn so lange bei sich getragen hatte. Dass sie ihn so lange hat leben lassen. Dass sie ihm selbst die Entscheidung überlassen hatte, wann es Zeit sein würde, zu gehen. Dadurch, hatte die Löwin auch den Tod akzeptiert. Sie hatte dem Tod ihres Kindes Zeit geschenkt. Die Zeit, die er brauchte, zum Sterben. Denn der Tod gehört zum Leben. Und zum Leben gehört der Tod. So hatte die Löwin Jonathan Zeit zum Leben geschenkt und Zeit zum Sterben. Und in dieser Zeit nahmen sie liebevoll Abschied voneinander.
*
Als Jonathan gestorben war, kam die Löwin ins Krankenhaus. Sie kam nicht dorthin, wo die Kinder geboren werden. Das verletzte die Löwin sehr. Dabei würde sie ja ihr Kind gebären. Aber weil ihr Kind nicht mehr lebte, durfte es nicht dort zur Welt gebracht werden, wo die lebenden Kinder zur Welt gebracht werden. Der Löwin brach das das Herz. Sie hatte Angst, man würde ihren Jonathan nicht als Kind ansehen. Nur weil es nicht mehr lebte. Aber es war doch ihr Kind. Es kam auch keine Hebamme. Denn Hebammen helfen ja nur lebenden Kindern auf die Welt. Das fand die Löwin gemein. Die Löwin hatte nichts gegen Krankenschwestern. Aber sie waren ja nicht so erfahren wie Hebammen. Die Löwin hatte Angst, dass die Krankenschwester etwas falsch machen könnte. Es dauerte dreizehn Stunden. Die Löwin hatte ein kleines Körbchen vorbereitet. Dafür hatte sie ein Deckchen genäht. Und sie hatte eine Kerze dazu gestellt. Und es waren ihre engsten Freundinnen dabei. Auch der Vater von Jonathan war dort. Er war auch zu einem Löwen geworden in der Zeit. Denn er stärkte die Löwin, wo er nur konnte. Die Ärzte kamen mit einer Spritze. Zur Beruhigung. Sie wollten nur das Beste für die Mutter. Und das Beste wäre, wenn die Mutter nicht alles bei klarem Verstand mitbekommen würde. Die Ärzte dachten, dass sei zu viel für einen Menschen, der ein totes Kind gebar. Doch die Löwin war ja Mutter. Das wurde dabei vergessen. Und die Löwin wollte alles bei klarem Verstand mitbekommen. Da bewies die Löwin erneut unglaubliche Stärke. Das war wirklich stark von der Löwin. Und die Löwin bekam ihr Kind. Die Löwin bekam ihr Kind und erlebte alle Schmerzen. Ohne Schmerzmittel erlebte die Löwin alle Schmerzen. Und sie kann sich an jeden einzelnen Schmerz erinnern. Es waren Schmerzen, die schubweise kamen. Es waren Schmerzen, die vorbeigingen. Es waren Schmerzen, von denen man wusste, dass sie vorbeigingen. Und zwischen den Schmerzen, gab es diese Inseln, ohne Schmerzen. Schmerzfreie Inseln, die Kraft gaben. Anfangs fühlten sich die Schmerzen an wie Menstruationsschmerzen. Sie erinnerte sich an diese Schmerzen. So machte das die Natur. Vorbereitende Schmerzen. Bei jedem Schmerz nahm sie Abschied von ihrem Kind. Hätte es gelebt, hätte sie bei jedem Schmerz ihr Kind begrüßt. Sie hätte es empfangen und nahm Abschied. Denn Schmerzen gehören auch zum Abschiednehmen. Sie überstand die Schmerzen. Und heute ist sie froh, die Schmerzen auf sich genommen zu haben. Denn unter Betäubung, hätte sie nicht bewusst Abschied nehmen können. Abschied nehmen kann man nur bewusst. Da darf man nicht verdrängen. Das wusste die Löwin. Als Jonathan da war, wurde er in ein Tuch gewickelt. Und dann wollte die Schwester sofort den Raum verlassen. Sie wollte mit Jonathan den Raum verlassen. Einfach so. Die Löwin war so froh, dass sie nicht unter Betäubungsmitteln stand. Denn dann hätte sie gar nicht gemerkt, dass ihr ihr Kind weggenommen wurde. Dabei wollte doch die Löwin ihr Kind sehen. Sie wollte es sehen. Auch wenn sie sich vielleicht davor erschreckt hätte. Sie wollte es sehen. Und so war es nötig, dass die Löwin in tiefster Erschöpfung erneut um ihr Kind kämpfte. Sie musste dafür kämpfen, dass ihr Kind nicht weggetragen wurde. Und so hielt sie endlich ihr Kind im Arm. Ihr Kind, das viel zu früh zur Welt kam, weil es dort, wo es gelebt hatte, gestorben war. Die Löwin hatte Angst gehabt, dass sie sich vor ihrem Kind ekeln würde. Denn das Kind würde noch nicht vollständig entwickelt sein. Wenn es zu Welt kommen würde. Und es war ja auch alles voller Blut. Und das waren Szenen, die die Löwin gar nicht kannte. Obwohl es ja Szenen waren, die zum Leben gehörten, kannte die Löwin solche Szenen nicht und ekelte sich deshalb davor. Deshalb geht man ja auch ins Krankenhaus. Zum Kinderkriegen geht man ins Krankenhaus, wie eine Kranke. Damit solche Szenen abgegrenzt ablaufen. Szenen, die ja eigentlich zum Leben gehören. Als sie Jonathan dann aber in ihren Händen hielt, da ekelte sie sich nicht. Da merkte sie, dass ihre Angst unbegründet gewesen war. Die Haut von Jonathan war ganz rot gewesen. Sie war noch nicht stark genug gewesen. Er hatte nicht genügend Zeit gehabt, seine Haut stärken zu können. Und er war so klein. Winzig war er. Aber dennoch ein Baby. Ein winziges Baby. Und die Löwin wird nie vergessen, wie die kleinen Händchen aussahen. So winzig klein. Aber doch ganz da. Kleine Händchen, mit kleinen Fingernägeln. Und so blickte die Löwin auf ihr Kind, und sah, dass es gut war. Jonathan wäre zu schwach für das Leben gewesen. Die Löwin sah ihr Kind ohne Ekel an und sagte dann zu dem Löwen, es war besser so. Jonathan hat sich richtig entschieden. Und so nahm die Mutter Abschied. Friedvoll. Ohne Anklage. Sie bettete ihr Kind in das Körbchen, das sie vorbereitet hatte. Und dann zündeten sie die Kerzen an. Und der Seelsorger sprach ein kleines Gebet und segnete Jonathan. Und obwohl die Löwin gar nicht religiös war, tat es gut. Dass der Seelsorger da war. Und das Kind segnete. Die Löwin war froh, dass der Seelsorger da war. Denn sie hatte doch gespürt, wie ungern die Schwestern in ihr Zimmer gegangen waren. Sie wurde gemieden. Es war eine blutige Angelegenheit. Eine blutige Angelegenheit, die vom Kinderkriegen separiert wurde. Doch die Löwin kämpfte dagegen an. Ihr Jonathan war auch ein Kind. Eines, das gestorben war. Und zusammen mit dem Seelsorger, kämpfte sie für die Zeit. Für die Zeit, für ein würdevolles Sterben. Denn sie mussten sich beeilen. Der Raum wurde gebraucht und musste noch gesäubert werden.