image001Text: CfFaust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 27

Ich muss mich besser konzentrieren. Ich muss mir mal eine Pause gönnen. Ich sollte mir eine Pause gönnen, um mich besser konzentrieren zu können. Das geht mir alles sonst so durcheinander. Da ist dann so ein Knoten in meinem Kopf. Ein Zickzack an Gedanken. Ich muss mich mal ordnen. Dazu gehört auch, die Dinge fertigzumachen. Ich neige dazu, immer neue Sachen anzufangen, anstatt die alten fertigzumachen. Es ist ein ganz einfacher Trick, das mit dem Abschließen. Wenn man mal eine Sache abgeschlossen hat, dann kann man auch wieder etwas Neues anfangen. Ich habe dann aber immer Angst, dass ich nicht mehr weiterkomme. Wenn ich das andere abgeschlossen habe, dann ist die Gefahr da, dass ich in ein Loch falle. Und dann ist da so eine riesige Lücke. Da habe ich dann meistens keine Kraft, etwas Neues anzufangen. Dann lasse ich lieber viele Sachen parallel laufen. Dann entsteht keine Lücke. Dann entsteht aber auch keine Pause. Das ist dann das Blöde daran. Dabei sind Pausen so wichtig. Gut. Das nehme ich mir für das nächste Jahr vor. Mehr Pausen. Dann kann man sich wieder besser konzentrieren. Die meisten wissen ja gar nicht, dass ich mich für meine Arbeit konzentrieren muss. Es ist wirklich so. Jeder Strich erfordert große Konzentration. Ohne Konzentration geht gar nichts. Auch im Rausch ist man konzentriert. Man braucht ja auch manchmal den Rausch, um sich die Konzentration leisten zu können. Im Rausch kann man alles Drumherum ausblenden. Das gelingt einem sonst nicht so oft. Jetzt seht ihr mal, wie anspruchsvoll das eigentlich ist, mit der Konzentration. Die ist ein richtiger Gewinn. Ich muss mir dann richtige Konzentrationsinseln schaffen. Als ob ich in einem Meer aus Chaos schwimmen würde. Einem Chaosmeer. So sieht es nämlich in mir meistens aus. Ich lasse ja meistens keine Gelegenheit aus, meine Gedanken sinnvoll kreisen zu lassen. Das ist ein echter Luxus, wenn ich die mal unbewusst kreisen lasse. Wenn ich verliebt war. Dann war es so. Dann ließ ich meine Gedanken unbewusst kreisen. Wenn ich alleine bin, dann gibt es dieses unbewusste Kreisen der Gedanken nicht. Das fehlt mir dann manchmal richtig. Dafür, kann ich mich besser konzentrieren. Da kann ich meine Zeit effektiver nutzen. Da schaffe ich mehr. Alleine schaffe ich mehr. Alleine bleibt mehr Zeit, sich zu konzentrieren. Hat man jemanden im Kopf, ist die Kontrolle ganz schnell weg. Nicht mehr vorhanden. Da wird man dann ganz undenkbar. Bevor ich also anfange, muss ich mich immer ziemlich konzentrieren. Auch wenn man das zuerst gar nicht so denkt. Aber jeder Strich braucht Aufmerksamkeit. Auch die Striche, die kreuz und quer gehen. Zickzack-Striche sind sogar richtig schwer. Denn sie sind geordnetes Chaos. Geordnetes Chaos ist Kunst. Keinen Handlungsstrang zu haben, ist verflixt schwer. Da hat man keine Orientierung. Da spuckt man nur so durch die Gegend. Jeder Strich ist also geplant. Jeder Gedanke ist also durchdacht. Die Zukunft geplant. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Also alleine bleiben. Bitte einsam sein. Die Striche fordern es. Die Sätze fordern es. Die Zukunft fordert es. Das finde ich ganz schön schwarzweiß. So ein durchdachtes Leben. Klar bringt mich das voran. Wenn ich weiß, was ich im nächsten Jahr erreicht haben möchte. Es stört mich aber auch. Dieser innere Druck. Als ob ich da Backsteine zusammenhalten sollte. Als ob ich da eine Tür komplett zumauern würde. Aus Sicherheit. Das stelle sich mal einer vor. Kommt da die Liebe meines Lebens zu Tür herein, und die ist einfach zugemauert. Weil ich ihr keinen Platz gemacht hab. Weil ich sie verbaut habe. Falsch geplant habe. Die Tür. Die Tür zur Zukunft. Da muss man schon Freiraum lassen. Für Unerwartetes. Alles zu planen, ist schrecklich. Da ist dann das Leben vorbei und man hat alles an sich vorbeiziehen lassen. Nur wegen einem Plan. Meistens ist es ja ein Karriereplan. Und Karrierepläne sind sowieso von vorneherein falsch. Schon das Wort ist eine Fehlplanung. Da hat der Architekt den Statiker austricksen wollen. Dabei kann man das ja gar nicht planen. Eine Karriere. Lieber sich Ziele setzten. Und die ehrgeizig verfolgen. Aber trotzdem die Türen nicht zumauern. So will ich es machen. Was ich da heute wieder für Ratschläge gebe. Als ob ich ein Recht dazu hätte, Ratschläge zu geben. Als ob ich das Leben schon gelebt hätte. Und alles erlebt hätte. Als ob ich weise wäre. Dabei bin ich ja jung. Das glaube ich zumindest. Oder bin ich schon alt? Graue Haare habe ich jedenfalls noch keine. Aber ich verliere Farbe. Das mal auf jeden Fall. Ob ich bald sterbe? Es fühlt sich so an. Ich habe schon viel erlebt. Ich habe schon viel gefühlt. Ich bekomme alle Emotionen mit von den Leuten, die an mir vorbeigehen. Und da merke ich, dass ich die Dinge schon durchschaue. Dass ich die Dinge schon fühle. Schon voraussehen kann. Ich wünschte, ich wäre nicht so spirituell veranlagt. Spirituell veranlagt zu sein, finde ich schrecklich. Schön, dass die Sterne meines Horoskopes so günstig standen. Aber ich mag Sternschnuppen lieber. Gefallene Sterne sind interessanter. Schöner. Kurzweiliger. Romantisch. Feinfühlig auch. Aber alles nur mit Schutzschicht. Also lieber alleine sein. Alleine romantisch sein. Alleine feinfühlig. Alleine sich konzentrieren. Auf das Leben. Die Türen nicht zumauern. Aber auch nicht jede aufreißen. Das ist mein Motto. Das ist mein Vorsatz. Nicht so viele Türen aufreißen. Wenn es so sein soll, gehen gewisse Türen schon von alleine auf. Türen auch mal zulassen. So wird es gemacht. Und nicht so weise daherreden. „Weise Ratschläge“ lacht die Erfahrung spöttisch und zieht ohne sie los.