8963163588_de276832d0_zText: CfFaust 
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 25

Ich glaube, es geht etwas in dir vor. Wirklich. Weil wir uns ständig begegnen, glaube ich, dass etwas in dir vorgeht. Du bist schon so lange nicht mehr Teil meiner Gedanken gewesen. Ich konnte innerlich mit dir abschließen. Dass du so lange nicht mehr Teil meiner Gedanken gewesen bist zeigt mir, dass ich innerlich mit dir abgeschlossen habe. Aber jetzt, da läufst du mir immer über den Weg. Es ist wirklich unerklärlich, weshalb wir uns in letzter Zeit auf einmal so oft über den Weg laufen. Ich habe mich von dir getrennt, weil du nicht richtig wolltest. Und dann hatte ich auch meinen Frieden damit gemacht. Weil wir so gut auseinandergegangen sind. Ja, ich denke wir sind gut auseinandergegangen. Wie Erwachsene das tun sollten. Zuerst in einem lauten Streit. Dann nach etwas Abstand, schriebst du mir einen Brief. Es hat mir viel bedeutet, dass du damals, nach etwas Abstand, einen Brief schriebst. Das war wirklich schön von dir. Du hast sehr gut geschrieben. Der Brief von dir, er war sehr gut geschrieben. Du hast darin die richtigen Worte gefunden. Die richtigen Worte zum Abschied. Du schriebst, du wollest Kontakt mit mir halten. Ich wollte das nicht. Aber ich fand es schön, dass du es geschrieben hast. Und dann vergingen die Monate und du warst ganz weg aus meinem Kopf. Aus meinem Herzen nicht ganz, aber dort ruhen viele Flammen, die wieder auflodern könnten, wenn sie nur Raum dafür bekämen. Aber aus meinem Kopf, da warst du mit Sicherheit heraus. Und dann plötzlich, läufst du mir ständig wieder über den Weg. So als habe es Mainz beschlossen, treffen wir wieder aufeinander. Wir treffen aufeinander und zwar direkt an zwei Tagen hintereinander. Zu den verrücktesten Zeiten, an den verrücktesten Orten. Eines morgens, laufe ich zum Bahnsteigsende, zu meinem Lieblingsplatz, um mich dort ein wenig in die Oktobersonne zu setzen. Denn es ist wichtig, wenn man alleine ist, dass man sich alle Freuden einfängt, die ein Herbsttag zu bieten hat. Ja, man wird, wenn man alleine ist, zu einem Freudenfänger des Alltäglichen. Gerade im Herbst ist es geradezu eine Pflicht für die einsame Seele, genügend Sonnenstrahlen einzufangen. Sonnenstrahlen einfangen, um diese für den Winter zu speichern. Also ging ich wegen der Sonnenstrahlen zum Bahnsteigsende. So wie jeden Morgen. Und dann, während ich freudig, geblendet von den Oktober-Sonnenstrahlen über den Bahnsteig laufe, setzte ich mich, immer noch geblendet, auf die Bank in der Sonne. Ich setzte mich auf die Bank in der Sonne, am Bahnsteigsende. Und dann, während ich mich setzte, grüßtest du mich. Aus den Sonnenstrahlen heraus ertönte deine Stimme. Und dann, als ich mich dann mit dem Rücken gegen die Sonne drehte, um deiner Stimme zu folgen, da sah ich dich. Ich hatte mich direkt neben dich gesetzt. Ohne es zu ahnen, hatte ich mich direkt neben dich gesetzt. Ich denke, Mainz wollte es so. Nein wirklich, ich denke die Stadt war schuld. Ich denke, sie folgt da in ihren eigenen Regeln. Da kann man so aktiv herumflanieren, wie man will, man bleibt doch passives Werkzeug der Stadt. Wie diese Bank da zum Beispiel. Ich denke, es ist die Schuld der Bank da gewesen. Die Bank, die da am Ende des Bahnsteigs in der Sonne stand. Es war doch klar, dass sie uns beide wie Magnete anzog, die Bank. Es war nicht die Sonne, die war ja überall am Ende des Bahnsteigs. Aber diese Bank da. Die hat sich gedacht, hier locke ich die beiden mal hin. Auf mir sollen die beiden wieder zusammenfinden. Und dann war da diese Bahnfahrt. Ich war sehr frech zu dir. Nachdem ich der Sonne den Rücken zugedreht hatte, blickte ich dir ins Gesicht. Und als ich dir ins Gesicht blickte, und dich erkannte, da sagte ich im Scherz, dass ich da ja jetzt gar keine Lust zu hätte. Ich sagte dir, dass ich sowas von gar keine Lust dazu hätte, nun mit dir Bahn fahren zu müssen. Doch ich sagte es mit einem frechen Lachen dazu, es war meine Rettung in der Unsicherheit. In der Unsicherheit war dieses freche Lachen meine Rettung. Und dann wurde die Bahnfahrt richtig nett. Und wir sagten, dass wir uns noch mal treffen sollten. Aber ich wusste, dass es nur eine Floskel war. Ich wusste, dass keiner von uns beiden die Initiative ergreifen würde, um sich neu zu verabreden. Wir würden uns sowieso nicht wiedersehen. Ich sagte noch, wie verrückt das war, dieses Treffen. Das wir uns dort zufällig, auf dieser Bank trafen. Du fandest, dass Mainz eben klein sei, und es deshalb gar kein Zufall sei das Ganze. Ich machte mir viele Gedanken darüber. Über diesen Zufall. Und ich wusste, du würdest mir wieder vorwerfen, dass ich zu viel in die ganze Sache hineininterpretieren würde. Und so verdrängte ich das Ganze schnell. Ich schlief ein, ohne an dich zu denken. Am nächsten Abend, ging ich aus. Ich lief spät abends alleine nach Hause. Es war dunkel. Ich lief eine Straße entlang, auf der du nichts zu suchen hattest. Ich lief dir direkt in die Arme. Direkt am nächsten Tag, als ich spät abends nach Hause lief, lief ich dir direkt wieder in die Arme. Es ist, als ob sich die Wege von uns übereinander legten. Unsere Wege führen eigene Wege. Sie führen ihr Eigenleben. Es ist, als ob die Stadt uns immer wieder zusammenführen will. Ich weiß nicht, ob sie romantisch veranlagt ist. Das wäre toll. Eine Stadt, die romantisch veranlagt ist. Aber ich glaube viel eher, dass sie ein böses Spiel mit uns treibt. Ja, ich denke, sie treibt ein Spiel mit uns. Vielleicht ist es ein lustiges Spiel. Für jene, die nicht darin mitspielen müssen, ist es sicherlich ein lustiges Spiel. Lacht sich wahrscheinlich ins Fäustchen, die Stadt. Ja, ich wette die Stadt lacht sich krumm dabei. Während sie unsere Wege immer wieder ineinander verschlingt, hat sie einen Riesenspaß. Ich ärgere mich, über diesen Willen der Stadt. Ist es Willkür? Ist es Langeweile? Oder besteht doch die Hoffnung, dass alles einen Sinn hat? Ich will dich wiedersehen. Die Stadt hat gewonnen. Sie hat in mir den Wunsch geweckt, es herauszufinden. Nun ersehne ich den Moment, dich wieder zu sehen. Dich wieder zu treffen. Nur um herauszufinden, ob die Stadt romantisch ist oder nicht. Es wäre schön, wenn die Stadt romantisch wäre. Und deshalb frage ich dich nun, wollen wir uns wiedersehen?