MissMainzText: CfFaust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurikeit 24

Ich will meinen Namen nicht verraten. Ich will anonym bleiben. Ich denke nicht, dass ich hässlich bin. Ich mag mich so, wie ich bin. Daran liegt es also nicht, dass ich lieber anonym bleiben will. Es ist vielmehr so, dass es mich stört, wie mit Künstlern umgegangen wird. Die werden gefeiert. Aber nie mehr als fünf Jahre. Das stört mich. Dann wird man unter Druck gesetzt. Ein Lied. Ein Buch. Ein Bild. Es ist ganz gleich. Nach dem Werk ist vor dem Werk. Das eine reicht nicht. Bitte schnell ein Neues. Sonst hat man mich vergessen. Ich kaufe dann ein Buch und im Buchdeckel ist erst mal ein riesiges Foto von dem Autor. Da frage ich mich kurz, ist das autobiografisch? Das Foto vom Autor flutet mein Gehirn. Auf einmal sieht in meiner Fantasie der Protagonist aus wie der Autor. Ohne, dass ich es gemerkt habe. Meinen Namen für einen meiner Protagonisten hergeben. Da mach ich nicht mit. Das haben sie nicht verdient. Die Protagonisten. Ich habe dann immer das Gefühl, dass ich total die Konturen verliere. Es ist dann so, als ob ich jedes Mal aufs Neue um meine Konturen kämpfen muss. Werden Sie sich darüber im Klaren, wer Sie sind. Dann können wir Sie besser vermarkten. Ich will das nicht mehr. Ich will mich nicht mehr festlegen. Da bleibe ich lieber anonym. Da habe ich mehr Freiheit. Es ist doch so. Da hab ich keinen Druck. Da muss ich gar nicht wissen, wer ich bin. Wer weiß das auch schon. Ich habe auch ein bisschen Angst vor der Öffentlichkeit. Das muss ich schon zugeben. Sie ist unberechenbar. Oder ich kann sie eben berechnen und deshalb bleib ich anonym. Ja, ich denke, das ist auch ein möglicher Grund. Wenn ich jetzt ganz legal hier wäre, dann würde ich vielleicht Geld damit machen. Vielleicht aber auch nicht. Ich schreibe lieber nachts. Wo es niemand mitbekommt. Und wenn es mal nicht so gut wird, ist es auch nicht so schlimm. Da verlier ich dann nicht gleich mein Gesicht. Meinen Bauch habe ich ja schon verloren. Das ist nicht so schlimm. Der hat sowieso immer wehgetan. Aber mein Gesicht, das will ich nicht verlieren. Das wäre unangenehm. Also lieber anonym bleiben. Ich finde es schön, dass das Internet so ein Ort ist, wo das möglich ist. Da kann man einfach so existieren. So wie man in der Realität nicht existieren kann. Da kann man den zwei Seelen in der Brust so plastisch Ausdruck verleihen. Auf Wänden kann man das ja auch. So wie es ja hier, durch mich geschehen ist. Da hat ja auch jemand seiner zweiten Seele Ausdruck verliehen. Aber auf den Wänden kann das auch ganz schön gefährlich werden. Da ist man dann oft illegal unterwegs. Das stört mich ein bisschen daran. Dann riskiert man so viel, für die zweite Seele. Und ich finde, dass sollte so nicht sein. Solange man niemandem schadet, sollte man seine zweite Seele ausleben können. Aber da müsste man dann wieder über den Schaden streiten. Vielleicht bin ich für viele ein wirklicher Schaden. Ohne, dass ich es weiß. Also akzeptiere ich es eben. Dass ich illegal bin. Ich bin nicht stolz drauf. Und ich mache das auch nicht, um jemanden zu ärgern. Ich mache das nur, weil ich keine andere Ausdrucksmöglichkeit finde. Für meine zweite Seele. Internet und Stadtraum. Das sind Möglichkeiten. Da gibt es Räume. Also im Grunde genommen auch Wände. Aber ich mag die Realität lieber. Ich mag die frische Luft. Ich mag sie sehr. Ich bin ein richtiger Frischluftfanatiker. So einer bin ich. Aber so eine Couch, die hat auch etwas Schönes. Gemütliches. Mittlerweile bin ich ja auch im Internet überall zu finden. Jeder, der mich da sieht, an so einer Wand, im Internet, der sollte wissen, dass ich dort genauso lebe, wie auf der Straße. An der frischen Luft. Aber wer mich live erleben will, der muss raus aus der Bude, in die Stadt. In mein Mainz. Also ich denke, ich habe da so zwiespältige Empfindungen gegenüber dem Internet. Einerseits, kann man dort seiner zweiten Seele Ausdruck verleihen. Da kann man ein anderer Mensch sein. Das scheint auf den ersten Blick spannend. Aber dann denke ich, ist es doch eine verflixt gefährliche Sache. Man kann da nicht so durchgucken. Durch das Internet. Da müsste man mehr durchgucken können. Hier an der Wand kann man ja auch nicht durchgucken. Aber um das Bild von mir zu machen, musste man durch den Zaun gucken. Den Bauzaun. Durch den musste man gucken. Das ist mal ein richtiges Durchgucken. Aber wer weiß, wie lange ich hier noch bin. Wahrscheinlich wird bald über mich drüber gemalt. Oder ich werde einfach verbaut. Oder meine Wand wird abgerissen. Die Pläne der Stadt kenne ich leider nicht. Ich kenne keine Stadtpläne. Die kann ich leider nicht durchgucken. Über mich entscheidet meistens jemand anderes. Dabei würde ich so gerne alles planen. Ich würde mir so gerne verschiedene Namen geben. Nur einen Namen zu haben, ist ja langweilig. Mit verschiedenen Namen könnte ich auch verschiedene Rollen spielen. Der Gedanke gefällt mir sehr. Verschiedene Rollen zu spielen. Denn wir spielen ja alle Rollen. Das ist ja bekannt. Aber mehrere Rollen gleichzeitig spielen. Und die dann aufteilen in verschiedene Namen. Das wäre toll. Aber ich denke, ich lasse da lieber die Finger von. Dafür müsste man ja seine Seele spalten. Das klingt äußerst gefährlich. Das Spielen von Rollen klingt gefährlich. Da spiele ich lieber nur eine einzige. Wenn ich zum Bespiel einen Sohn hätte, um den ich mich sorgen könnte. Dann würde ich die Mutterrolle übernehmen. Darin würde ich aufgehen. Aber wenn ich die Mutterrolle spielen könnte, dann würde ich alle anderen Rollen von mir umbringen. Umbringen klingt jetzt wieder so schrecklich. Ich würde alle anderen Rollen einschläfern. Zur Ruhe bringen. Vielleicht sogar vergessen. Aber dann denke ich wieder, dass ich niemals die Mutterrolle bekomme. Ich denke wirklich, dass da ein Regisseur bei jedem Casting sagen wird, nein, die Mutterrolle kriegen Sie nicht. Die haben Sie nicht verdient. Gut. Wenn das so ist. Bitte. Ich denke, es würde die einzige Rolle sein, die ich ganz und gar ausfüllen könnte. Aber wenn es nicht sein soll, dann gebe ich mich eben den vielen Abspaltungen meiner Rolle hin. Wie du weißt schon wer. Nur, dass ich dabei nicht über Leichen gehe. Deswegen bleibe ich anonym. Lasst mir das doch. Wenn ihr mir die Mutterrolle schon nicht gönnt, dann lasst mir doch wenigstens mein Anonym sein. Und nehmt mir nicht die Konturen. Nehmt mir nicht meine Wand hier. Ich bitte euch. Lasst mich hier. Nehmt die Wand nicht weg. Sie ist doch meine Bühne. Und ohne Bühne bin ich nicht.