Mädchen10Text: CfFaust
Sprayer: Unbekannt

Die Stimme der Traurigkeit 22

Die Löwin begleitet mich nicht mehr. Es war schön mit der Löwin. Jetzt bin ich wieder alleine. Aber ich will deshalb nicht mehr traurig sein. Hier ist einfach kein Platz mehr für Traurigkeit. Ich wurde schon so oft alleine in einer Ecke stehen gelassen, dass ich es gar nicht mehr zählen kann. Mein Herz ist schon so schwach von den vielen Wunden, dass eine mehr gar nicht mehr schmerzt. Die Zeit hilft darüber hinwegzukommen. Man lernt sich immer wieder aufs Neue zu finden. Man lernt, sich nicht mehr für andere fallen zu lassen. Man lernt die Einsamkeit. Ich hab mich ja auch längst wieder gefunden. Man verliert sich eben manchmal.  Aber das Schöne ist ja, dass man sich auch wiederfindet. Also muss man sich eben arrangieren. Der Traurigkeit nicht immer so viel Platz zu lassen. Sie auch mal einengen. Einfangen. Die Traurigkeit im Zaun halten.

Der Traurigkeit einen Zaun bauen. Ich finde, ich sollte jetzt Schluss machen mit dem Ganzen. Gut, ich wurde irgendwo stehen gelassen. An irgendeiner Ecke eben. An der Ecke, wo ich stehen gelassen wurde, da habe ich mich dann selbst verloren. Gut. Alles schon gehört. Alles nichts Neues. Dann kamen da die großen Themen. Da wurde dann prächtig angegeben mit den großen Themen. Dann muss jetzt auch der Schritt da sein, zu sagen, dass hier jetzt kein Platz mehr für Traurigkeit ist. Auf dem Weg hab ich ja auch Freundschaften geschlossen. Mit der Löwin zum Beispiel. Oder ich habe Sachen aufgewärmt, die längst passé waren. Ich habe unter den Massen mein Ich vertrieben. Und mich von Menschen verabschiedet, die ich so gerne kennengelernt hätte. Für all das war ja Platz. Vor allem der Einsamkeit habe ich Platz gegeben. Viel zu viel. Die hat so viel Platz bekommen, dass ich selbst kaum Platz hatte. Da muss jetzt ein Schlussstrich gezogen werden. Über die Kunst philosophieren. Das kann ja jeder. Aber dann sich anmaßen, andere kritisieren zu dürfen. Das sollte man mir nicht erlauben. Wo ich doch selbst schon Mutter und Kind an einer Kreuzung habe stehen lassen. Und dann traurig sein, wenn man selbst stehen gelassen wird. Ganz schön arrogant ist das. Ganz schön anmaßend. Da malt mich jemand so schön an eine Wand, und ich bilde mir ein, da reinhören zu können. Anmaßend ist das. Das sollte verboten werden. Wer sagt denn bitte, dass ich hier das Stadtgewissen darstelle. Einer kam auf die schöne Idee, und dann soll es auf einmal die Wahrheit sein. Das ärgert mich. Die Leute, die mir irgendein Gewissen einhauchen wollen, ärgern mich. Soll ich euch mal was sagen? Ich habe gar kein Gewissen. Und ich hasse die Moral. Wenn ihr es genau wissen wollt, dann hasse ich die Moral. Was die da jeden Tag so alles anrichtet, die Moral. Das glaubt mir ja keiner. Aber ich sehe es ja jeden Tag. Da will man dann so moralisch wie möglich sein. Und dann so was. Dann verleugnet man sich selbst. Weil man so Sachen an sich hat, die man mit der Moral nicht vereinbaren kann. Und dann verleugnet man sich selbst. Da mach ich nicht mehr mit. Geht ihr doch zum Teufel mit eurem Stadtgewissen. Ihr braucht mich ja nur als Sündenbock. Unter dem Motto, da wurde jemand zusammengeschlagen, soll doch das Mädchen zur Polizei gehen. Die hat es ja gesehen. Da ist dann der wirkliche Zeuge fein raus. Schiebt da alles auf mich. Dank mir hat er dann Grund wegzusehen. Wie ich das hasse. Und ich sehe es so oft. Wie die Leute einfach den Blick auf den Boden richten, ohne sich in die Augen zu sehen. Wie die Leute in die andere Richtung schauen, nur um nicht Zeuge zu werden. Verantwortung bitte gerade mal nicht. Habe gerade genug zu tragen. Morgens um vier, wenn man da gerade nach Hause torkelt, da kann man sich natürlich grüßen. Da ist es ja irgendwie was Tolles, wenn man sich da grüßt. Da zeigt man ja, was für ein toller Typ man ist. Wenn man so lange noch feiern war. Wenn man so lange noch wach war. Da kann man sich schon mal auf der Straße grüßen. Aber ich sage euch. Da spiel ich nicht mehr mit. Tagsüber nicht ansprechbar sein aber nachts dann den tollen Typ markieren. Zum Kotzen ist das. Und bei der Schlägerei dann nichts gesehen haben wollen. Da ist ja die Moral wieder. Na großartig. Da schwing ich hier große Reden von der Moral. Und jetzt ist sie wieder da. Obwohl ich sie ja nicht leiden kann. Gut. Bin ich wenigstens sauer. Sauer auf die Moral. Besser als immer traurig sein. Sauer sein, ist wenigstens impulsiver. Da geht mehr Kraft von aus. Von dem Sauer-sein geht mehr Kraft aus. Das ist nicht so langweilig wie das Traurig-Sein. Also weniger Platz für die Traurigkeit bitte. Einmal Sauer-Sein. Meinetwegen. Dann reicht es aber auch jetzt. Jetzt kann es weitergehen. Bitte weitergehen. Nicht den Verkehr aufhalten. Jetzt, wo die Moral mal eben weggeschmissen wurde. Jetzt, wo der Gedanke an die Moral verworfen wurde. Richtig verworfen hab ich mich dabei. Als ich hier angefangen habe zu schreiben. Ein Wurf war das, der nach hinten losging. Ein ganzer Wurf Welpen war da auf einmal da. Und alle wollten gefüttert werde. Da war ich einfach ein bisschen überfordert. Ich hoffe, ihr verzeiht mir das. Dass ich gerade einfach ein bisschen überfordert bin. Ist mir auch egal, ob ihr jetzt auch in der Luft hängt beim Lesen. Ich hab das ja auch einfach nur da hingeworfen. Sagt ja niemand, dass ich überhaupt angekommen bin dabei. Vielleicht befinde ich mich ja auch noch in der Wurfbahn. Also hänge ich ja vielleicht auch noch in der Luft. Oder ich fliege. Das scheint mir wahrscheinlicher. Ich denke, ich schwebe da irgendwo auf Wolke Sieben. Ihr könntet mich ja besuchen kommen. Oder auch nicht. Es ist mir egal. Aber da oben ist bestimmt auch die Moral abgeblieben. Weggeschleudert. Fragt sich nur, wer die geworfen hat. Also ich war es bestimmt nicht. Da muss ich mal direkt alle Schuld von mir weisen. Sucht euch doch ein anderes Gewissen. Macht euch doch selbst eines. Ich hab es jedenfalls satt. Ich halte den Kopf hier nicht mehr für euch hin. Ab heute ist es raus. Ich bin das Stadtgewissen, weil keiner sonst es trägt.