IMG_7930Sprayer: Unbekannt, Text: CFFaust
Mainz, Mombacherstraße

Die Stimme der Traurigkeit 10

Heute habe ich eine Motorradtour gemacht. Mit einem anderen Mann. Ich weiß nicht, ob ich ein schlechtes Gewissen haben sollte, weil ich heute eine Motorradtour mit einem anderen Mann gemacht habe. Aber ich denke mir dann immer, dass das schlechte Gewissen völlig fehl am Platz ist, denn du warst es ja, der mich an der Ecke einfach so hat stehen lassen. Nach vier Jahren. Und nur, weil ich jetzt nicht mehr mit dir Motorradfahren kann, mag ich es ja trotzdem. Das Motorradfahren. Ich mag es sehr gerne. Es ist immer so ein toller Adrenalinkick. Dieses Motorradfahren. Und ich habe auch gar keine Angst davor, einen Unfall zu haben. Es wäre ein wenig schade um mich. Aber im Großen und Ganzen wäre es nicht sehr tragisch, wenn ich einen Unfall hätte. Ich muss dir aber gestehen, dass ich auch so gerne mit diesem neuem Mann Motorrad fahre, weil ich ihn sehr mag. Ich mag es, mich an ihn zu drücken, während der Fahrt. Dann muss man gar nicht miteinander reden. Man muss sich gar nicht groß kennen, um sich beim Motorradfahren näherzukommen. Ich fühle mich dann immer so frei durch den Fahrtwind und gleichzeitig nicht mehr so einsam beim Heranrücken, an den Motorradfahrer, den ich gern mag. Der Motorradfahrer wäre der perfekte Mann für mich. Aber es gibt da Sachen, die zwischen uns stehen, die es unmöglich machen. Das mit ihm und mir. Aber diese kleine Motorradfahrt lang, da kann man sich so ein bisschen ausprobieren. Ob es passen würde oder nicht. Ich finde, es passt sehr gut. Es würde gut passen. Wenn da nicht diese Sachen zwischen uns wären, die es unmöglich machen. Aber ich bin gar nicht so traurig darüber. Denn vielleicht ist es mir eben bestimmt allein zu sein. Und solange ich mich ab und zu mal an jemand andrücken kann, hilft mir das schon. Da fühle ich mich direkt weniger alleine. Ich habe ihn dann gebeten, zu einer bestimmten Stelle zu fahren. Zu einer Stelle, wo so ein bestimmtes Bild ist. Ich wollte von dem Bild ein Foto machen. Schon seit Wochen wollte ich von dem einen bestimmten Bild ein Foto machen. Aber ich kam nie hin. Während der Motorradtour hatte ich die Idee dort hinzufahren. Und ich hatte ja auch keine Geheimnisse vor dem neuen Mann. Ich vertraute ihm irgendwie. Ich glaube ich vertraute ihm, weil man sich beim Motorradfahren einfach immer vertrauen muss. Also sind wir dort hingefahren. Es war in der Nähe von der Brücke nach Mombach. An der Ampel bogen wir zuerst nach links ab. Obwohl das eigentlich verboten war. Wir bogen trotzdem nach links ab. Das war sehr nett von ihm. Dass er, obwohl es verboten war, einfach links abbog, nur damit ich dieses eine Foto machen konnte. Ich stieg ab und lief einige Schritte. Ich musste so nah heranzoomen. Es hatte keinen Zweck. Das Bild, das ich machen wollte, war zu weit weg. Es war an der Seite auch zu stark abgeschnitten von einem anderen Dach. Ich kam etwas enttäuscht zu ihm zurück. Da bot er mir an, näher heranzufahren. Das taten wir auch. Es war sehr nett von ihm. Ohne ihn hätte ich nicht so ein gutes Bild haben können. Wir fuhren auf den ORN Parkplatz. Und dann auf einmal, standen wir direkt vor dem Bild. Das war toll. Und das noch dazu mit ihm. Auf dem Motorrad. Ich war ja früher immer mit dir Motorrad gefahren. Damals. Bevor du mich an der Ecke hast stehen lassen. Aber ich mag eben das Motorradfahren. Unabhängig von dir. Ich mag es eben. Es erinnert mich immer ein wenig an dich, aber immer nur kurz. Dann bin ich immer wieder bei mir. Und genieße es einfach. Jemand anderem nah sein zu können als dir. Das ist schön. Dass ich heute jemand anderem nah sein kann, als dir, finde ich toll. Das ich heute vor diesem Bild mit jemand anderem stehe konnte, das gab mir Kraft. Das Bild war mir so wichtig, weil ich mich darin sah. Ich sah mich darin doppelt. Und ich fand es so toll, weil ich darauf nicht alleine war. Jedes Mal, wenn ich an dem Bild vorbeigefahren war, ohne es fotografieren zu können, war ich so froh gewesen, dass ich dort auf diesem Bild nicht alleine war. Ich war dort doppelt, mit meinen Freunden zusammen. Mit vier Buchstaben war ich dort zusammen. Mit vier Buchstaben, die für mich die Eine Liebe darstellten. Ich war sehr glücklich. Ein Bild von der Einen Liebe gemacht zu haben. Denn im Leben war doch alles nur für die Eine Liebe. Die Eine Liebe, die in diesen Bilder immer da war, auf wenn ich sie für mich noch nicht gefunden hatte.