Mädchen

Mainz, Emmeransstraße

(Sprayer: Unbekannt, Text: CF Faust)

Weißt du noch, als du mir das kleine Vögelchen geschenkt hast? Das war so süß. Natürlich musste ich es direkt wieder zurückgeben. Wer hätte sich denn auch darum kümmern sollen. Aber es war so eine schöne Geste von dir. Und dann schriebst du mir tatsächlich ein kleines Kärtchen, auf dem stand: „Piep, piep, ich hab dich lieb!“. Ich war so verliebt. Das war wirklich ein richtig romantisches Geschenk. Du legtest auch eine kleine Blume auf den Briefumschlag. Du erklärtest mir ausführlich, dass du eigentlich geplant hattest, die Blume dem Vögelchen in den Schnabel zu klemmen. Das hatte aber einfach nicht funktioniert. Entweder der Vogel hatte die Blume wieder fallen lassen, oder er hatte versucht, sie hinunterzuschlingen. Es wäre auch zu viel des Guten gewesen. Die Karte und die Blumen hätten doch völlig gereicht. Aber dann kamst du dort mit diesem sperrigen Käfig an. Und darin: Ein echter Vogel. Das war ziemlich verrückt. Aber es stimmte mich doch munter. Ich war an diesem Tag schrecklich erkältet. Und das an meinem Geburtstag. Ich hatte ursprünglich einige Gäste eingeladen. Doch dann musste ich alles absagen. Ich war sehr enttäuscht damals. Aber dann kamst du. Obwohl ich krank war. Das war sehr lieb von dir. Du brachtest mir Zitronen. Du machtest mir eine heiße Zitrone. Mit Honig. In meiner Küche. Ich fühlte mich sehr krank. Doch es war auf einmal sehr gemütlich. Wie du da auf einmal so selbstverständlich in meiner Wohnung standest und mir eine heiße Zitrone machtest. Mit Honig. In meiner Küche. Es war mir schon ein wenig unangenehm, dass ich da so mit einer Rotznase neben dir stand. Aber was noch unangenehmer war, war dieser Vogel. Was mach ich denn nun, mit diesem Vogel? Fragte ich. Ein wenig verwirrt. Es war ein so süßes Geschenk. Es war so romantisch. Aber ich hoffte doch, der Vogel würde wieder mit dir gehen. Er konnte doch unmöglich bleiben. Wer sollte sich denn um ihn kümmern. Ob er Hunger hat, der Vogel? Was ich ihm wohl zu essen geben muss? Wo soll er denn eigentlich hin? Ich habe doch gar keinen Platz mehr in meinem Regal. Ich stellte mich sehr unbeholfen an. Es schien dir alles ein großer Spaß. Wir hatten ein wenig Streit an dem Abend. An meinem Geburtstag. Als du mir in meiner Küche die heiße Zitrone mit Honig machtest und der Vogel daneben auf dem Tisch stand, stritten wir uns. Du nahmst ihm am gleichen Abend wieder mit. Wir einigten uns beide, dass ich keinen Platz hatte für den Vogel. Nicht in dieser Nacht zumindest. Du würdest ihn mitnehmen, so lange, bis ich einen Platz für ihn gefunden hatte. Die Stimmung war ein wenig angespannt. Doch es war mein Geburtstag. Wir bemühten uns beide sehr. Mein Geburtstag sollte nicht im Streit enden. Wegen eines Geschenkes. Was doch so gut gemeint war. Trotzdem verstand ich diese Sache mit den Geschenken nicht. Ich hatte dir viele Sachen geschenkt. Ich war sehr kreativ gewesen, mit den Dingen, die ich dir schenkte. Es waren immer Dinge, von denen ich wusste, dass du sie mochtest. Dinge, die du im Nachhinein gerne benutztest. Trotzdem reagiertest du sehr verletzend auf Geschenke. Einmal, da reagiertest du gar nicht. Da wolltest du das Geschenk nicht einmal vor mir aufmachen. Du sagtest, du wolltest es, so wie es ist, einfach mit nach Hause nehmen, um es dort, unausgepackt, auf deinem Nachttisch anzuschauen. Denn du würdest Geschenke lieben, egal was unter dem Geschenkpapier stecken würde. Ich dachte mir von Anfang an, du hättest Angst, es zu öffnen, weil es dir vielleicht nicht gefallen könnte. Und dann hättest du dich vor mir verstellen müssen. Ich ließ es gut sein. Obwohl ich von Herzen gerne schenkte. Schenken machte mich glücklich. Doch ich ließ es gut sein. Ich sprach dich nie wieder darauf an. Als du dich dann jedoch bei einem anderen Geschenk weigertest, die Karte zu lesen, da war dann doch der Streit nicht mehr zu vermeiden gewesen. Du sagtest, ich würde dir nur Dinge schenken, um danach Bestätigung von dir zu bekommen. Eine Bestätigung, wie toll ich das Geschenk gemacht hätte. Eine Bestätigung, was ich doch für eine tolle Freundin sei. Du redetest dich in Rage. Du beharrtest darauf, ich sei egoistisch, weil ich so viel schenkte. Du könntest meine Geschenke nicht leiden, sagtest du. Ich verstand damals die Welt nicht mehr. Damals, als du mir vorwarfst, ich sei egoistisch, weil ich dir Geschenke machte, verstand ich die Welt nicht mehr. Was hätte ich dafür gegeben, auch mal ein Geschenk zu bekommen, das mir gefallen würde. Wir waren doch so lange zusammen gewesen. Vier Jahre. Du schenktest mir nie etwas. Nur diesen Vogel an diesem einen Geburtstag. Doch ich machte es dir nie zum Vorwurf. Denn ich konnte ja dich beschenken. Es war meine Art dir zu zeigen, wie viel du mir bedeutetest. Damit drückte ich meine Gefühle aus. Ich überlegte immer lange, was ich dir schenken sollte. Meine Geschenke waren sehr überlegt. Ich nahm mir viel Zeit dafür. Es war der Prozess des Schenkens, bei dem ich meine Gefühle reflektierte, verarbeitete und wertschätzte. Und dann warfst du mir vor, ich sei egoistisch. Wegen meiner Geschenke. Da brach für mich eine Welt zusammen. Die Welt des Schenkens brach da für mich zusammen. Ich verstehe es bis heute nicht ganz. Immer wenn ich an diesen Geburtstag zurückdenken muss, dann denke ich an diesen Vogel. Den Vogel mit der Blume. Der Vogel, das Geschenk, dass du am Abend meines Geburtstages wieder mit nach Hause nahmst.