Was war das noch für eine Zeit, als Film und Musical so viel experimenteller und sozialkritischer waren, als wir es heute von unserer Hollywood-Happy-End-Action-Hero-Realität her kennen? Ich höre Queen durch, ich höre eine Power durch, ich höre durch eine Epoche und fühl‘ mich komplett durch, ohne Zeitzeuge gewesen zu sein. Mir kommt Mathew Barney in den Sinn, nur aufgrund der Laborästhetik, und ich kann doch keinen richtigen Zusammenhang herstellen. Wer macht das für mich? I just can throw it up. In a beautiful piece of science trash.
Sexuelle Phantasie
Transsexualität darf es nur in Transsilvanien geben, einem Ort in der Fremde, einem Ort der Fremdes hervorbringt. In Transsilvanien oder in dem geheimnisvollen Schloss, wo jegliche Art von sexueller Phantasie nur im Traum Wirklichkeit werden kann. Im Traum wird die Phantasie lustvoll und zugleich angsteinflößend gelebt. Die Lust am triebhaften Unbewussten ist so groß wie die Angst davor. Siehe dazu Arthur Schnitzlers Traumnovelle und natürlich S. Freud.
Griechische Mythologie
Über Rocky hängt also das Damokles-Schwert. Macht wird in Form von sexueller Macht demonstriert, Reichtum eventuell mit sexueller Freiheit übersetzt. Weder Macht noch Reichtum bieten Schutz vor den Gefahren der Liebe, der Ehe, den unterdrückten Leidenschaften, sie verursachen sie vielmehr. Frank-N-Furter, der süße Transvestit, hat scheinbar die Fäden der Regie für das Theaterstück innerhalb des Theaters (theatrum mundi)in der Hand. Er herrscht über das Schloss, über die Phantasien seiner Bewohner und er ist der Schöpfer von Rocky, einem durchtrainierten blonden Schönling, einem griechischen Gott nicht unähnlich. Im Schloss ist sie vergessen die kitschig romantische Liebe der Anfangsszene. Hier führt die Lust, führt der Körper das Regiment. Seien es Bewegung, Kostüm, Maske oder Stimme, alles stellt die Kuriosität des Körpers zur Schau. Der bucklige Diener, die skurrilen Tanzschritte, die puppenhafte Maskierung, die futuristischen Kostüme und die burleske Travestie. Erst als alle Akteure des Theaters im Theater ein Eigenleben zu fordern scheinen, werden sie in griechische Steinskulpturen verwandelt. Hier erreicht die Körperthematik ihren Höhepunkt. Schön, glatt und edel wirken sie nun wieder, doch gefangen in ihren Bewegungen, die nach Freiheit streben, erwachen sie erneut auf einer Bühne des Fremdbestimmten.
Liebe
Frank N. Furter schafft sich sein eigenes Lustobjekt, Rocky, kein Wesen der realen Welt, ist Gefangener seines Schöpfers und somit nicht frei. Frank-N-Furters Phantasieprodukt Rocky versucht jedoch zu entkommen, allein er ist gefangen in der eigens produzierten Phantasiewelt, in der Lust in Angst umschlägt. Rocky und Janet als Liebespaar, Frank-N-Furters Albtraum. Aber glaubt Furter tatsächlich an die Liebe? Er begegnet Rocky nur mit Macht und in seiner Phantasie, ist er ihm deshalb nicht treu. Rocky erlaubt seinem Dienerpaar das Ehebündnis und unterschätzt dabei die Macht der Ehe, der Liebe. Am Schluss sind sie die Herrscher über Frank-N-Furter und kehren glücklich nach Transsilvanien zurück. Ein Bekenntnis für die Ehe? Rocky versucht, seinen Schöpfer zu retten, erst im Tod ist er ihm ein treuer Liebender.
Was im Traum bleibt,ist die Austauschbarkeit der Liebenden. Ein Motiv, das sowohl Shakespeares Romeo und Julia (man denke an Rosalinde) als auch Mozarts Così fan tutte thematisiert.
Trugschluss in Dur
Doch Janet und Brad überleben den Traum. Die Liebe überlebt die sexuelle Triebhaftigkeit des Unbewussten. Die Trugbilder verschwinden, was bleibt sind Kostüme in Fetzen, eine Zerrissenheit, Überbleibsel der Travestie als ein „Verkleiden“ der sexuellen Phantasie. In Transsilvanien, einem Ort der Fremde, ist die glückliche Ehe im Zusammenhang mit der Travestie möglich. Außerhalb dieses Wunschortes sexueller Freiheit bleiben die Liebenden wie bei Mozart in völliger Zerrissenheit über die Austauschbarkeit der Liebe und die Macht der Triebe verstört zurück. Sie kriechen wie Insekten, völlig verloren in Raum, Zeit, Sinn und Bedeutung, über die Erde dahin. Die Sinnleere überdeckt mit Spaß und Tanz, Feierei und Geilheit, gefangen in der Freiheit des Überflusses endet auch dieses Verwirrspiel der Liebe und der Triebe in einer mit leerer Luft aufgepumpten Blase in Dur.