PikachoPokémon Go schafft es, virtuelle Figuren in die reale Umgebung einzufügen wodurch virtuelle Welten real begehbar gemacht werden. Aber ist das wirklich so innovativ wie alle sagen? Im Theater hat es längst sogenannte „Walking Performances“ gegeben. Wenn es darum geht, Theater im Alltag einzubetten, ist das Künstlerkollektiv Rimini Protokoll und seine „Alltagsexperten“ absoluter Vorreiter. In ihrem Projekt „50 Aktenkilometer. Ein begehbares Stasi-Hörspiel“ welches am 17. Mai 2011 in Berlin Premiere hatte, tauchte der Zuschauer in die Berliner Geschichte ein. Durch ein GPS-Telefon wird der Zuhörer online beschattet und mehr als 100 „akustische Blasen“, Audio-Dokumente, darunter Observationsprotokolle, Menschen die aus ihren Stasi-Akten vorlesen, Originaltöne aus den Archiven, werden bei dem Gang durch Berlin-Mitte ausgelöst. Mit den O-Tönen einer vergangenen Zeit im Ohr, wird das Flanieren durch die Großstadt zu einem ganz besonderen Erlebnis. Es entsteht hier ein „Zwischenraum“, ein „Erfahrungsraum“ (Miriam Dreysse 2007) für den Zuschauer, der ganz im Sinne Walter Benjamins „Flaneur“, sich seiner Umgebung neu bewusst wird. Der Flaneur soll seine Umgebung, die Stadt als Raum, wie einen Text neu lesen und sich so seiner Geschichte wieder bewusst werden, sich erinnern. Doch was passiert mit all den Pokémon Go Flaneuren? Sind das Flaneure, die frei und vom Zufall bestimmt durch die Stadt gehen um Vergangenheit oder das „Kolportagephänomen“ des Raumes zu erfahren? (Harald Neumeyer 1999) Nein. Im Gegenteil. Pokémon Go dirigiert seine Marionetten durch den Stadtraum ohne diesen zu thematisieren mit dem einzigen Ziel, einer nicht-realen Zeichentrickfigur hinterherzujagen. Virtuelle Projektionen ersetzen unsere Fähigkeit Fiktion fantasievoll zu imaginieren und schränken unsere Vorstellungskraft ein. Schön, dass nun auch ein Gedanken befreiender Spaziergang an der frischen Luft von unserem Smartphone gesteuert und begrenzt wird. Vor allem an Aussichtspunkten schöner Landschaften wird bald zu lesen sein: „Hier Fantasie einfügen“!

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