Lies deine Stadt, durchdring sie, versteh sie, erkenne sie, indem du ihre Graffitis liest. Die illegalen Graffitis einer Stadt folgen einer Struktur. Entschlüsselt man die Struktur, gewinnt man Einblicke in die Subkultur der Nacht, die tagsüber wie flache Geister über die Wände spukt. Manche Graffitis sind schön, manche sind hässlich, manche wollen zerstören, manche wollen verschönern. Über den ästhetischen Anspruch kann man sich streiten. So, wie man sich auch über Picasso streiten kann. Das ist anstrengend und hier nicht Ziel der Sache. Gesprochene Sprache hat die Macht, Handlungen anzustoßen. (Austin: How to do things with words) Illegales Graffiti als Schriftsprache, hat die Macht, Subkultur zu schaffen und sie lesbar zumachen. Dieser sciencetrash-Beitrag möchte erläutern: How to do things with graffiti

Tag = Ein tag ist wie die Unterschrift des Sprayers. Er wählt sich einen Namen (ein Pseudonym) und schreibt diesen mit einer Farbe in einem besonderen Style, der unermüdlich wiederholt wird und durch die richtige Ausführung auf Originalität verweist.
Throw Up = Ein throw up ist die erweiterte Form des tags, ein Schriftzug, bei dem die Buchstaben (Pseudonym oder Crew-Name) flächig, jedoch ohne Farbfüllung eilig „hingekotzt“ werden. Man nennt es auch „One-liner“, da die Spraydose bei der Buchstabenführung nicht abgesetzt wird.
Piece = Ein piece ist ein dreidimensionales Bild, das mit mehr Aufwand (mehreren Farben, Schattierungen) gesprayt wird.
Tag, throw up, piece, quasi die Dreifaltigkeit des illegalen Graffiti. Ein Sprayer wählt sich also ein Pseudonym, das er dann überall in der Stadt verteilt, wie ein Hund, der sein Revier markiert. Auch character (gesprayte Figuren) werden als eine Art Pseudonym verwendet. Wenn sich Sprayer zusammentun wollen, bilden sie Crews. Sie wählen einen gemeinsamen Namen, meist sind es gemeinsame Buchstaben. Diesen Crew-Namen möchten sie dann in Verbindung mit ihrem tag bekannt machen. Meistens werden pieces im Crew-Namen gesprayt, da mehrere Personen beim Sprayakt beteiligt sind. So hat also quasi eine Crew viele verschiedene Sprayer-Pseudonyme. Welcher Sprayer den Crew-Namen aufgetragen hat, wird im piece stets vermerkt.