science trash: Lady Gaga und Abramović

Lady Gaga ist nicht nur Popsängerin, sie ist Performance-Künstlerin. Immer wieder verwandelt sie ihren Körper neu, schlüpft in andere Rollen und spielt mit Genderklischees wenn sie sich beispielsweise als ihr Exfreund Jo Calderone verkleidet und Lady Gaga die Worte „I’m theatre“ sagen lässt. Performance-Künstlerin. Da muss man natürlich sofort an Marina Abramović denken – nach wie vor die wohl berühmteste Performance Künstlerin. In ihren Arbeiten inszeniert sie sich selbst als Objekt in dem sie ihren eigenen Körper malträtiert und dadurch vom Subjekt zum Objekt transformiert. (Vgl. Erika Fischer-Lichte „Ästhetik des Performativen“) Performance Art zählt zur Bildenden Kunst der Postmoderne (nach 1950). Ebenso wie Popart wo beispielsweise Andy Warhol dazuzuzählen ist. Doch was ist mit Popmusik? Das ebenfalls in den 50er Jahren entstehende Phänomen wird als U-Musik (Unterhaltungsmusik) ausgegrenzt, ohne dass es in der Bildenden Kunst, geschweige denn in der Tonkunst als Kunstgattung auftaucht. Dabei ist Lady Gaga als berühmter Popstar genauso eine Performance-Künstlerin wie Marina Abramović und – sie arbeiten sogar zusammen. Doch wenn Lady Gaga für Abramović zum Kunstobjekt wird, dann wird in Popjargon mit dem Slogan „Gaga strips down naked“ geworben und alle sprechen nur noch von Lady Gagas Nacktbildern. Gaga setzt sich als Künstlerin mit Abramović auseinander (das versuchte übrigens auch Jay Z) und spricht voll Bewunderung von ihr als Lehrerin, womit Lady Gaga ihr eigenes Schaffen in der Performance Art ansiedelt. Doch auch Abramović sucht neue Bühnen abseits der heiligen Hallen der Modernen Kunst. Ihr Film „The artist is Present“ (2013) dokumentiert nicht nur die meditative Performance die sie im Museum of Modern Art (2010) aufführte. Man durfte hier Abramović „erfahren“ indem man auf einem Stuhl gegenüber von ihr schweigend Platz nahm, während sie dort in meditativer Haltung jeden Tag bis zum Ende der Öffnungszeiten des Gebäudes verharrte (721 Stunden). Auch Lady Gaga durfte dort Akteurin sein. Im schnelllebigen Medienzeitalter hat eine solche Performance natürlich eine unglaubliche Wirkung, aber ist das nicht Avantgardekunst die dem Konzept von Pop widerspricht? Betrachtet man Abramovićs Film könnte man überspitzt behaupten: Abramović goes Hollywood. Performer werden gecastet um ihre alten Performances wieder aufzuführen, emotionales Klavierspiel untermalt weinende Performance-Akteure und ein Wiedersehen mit ihrer großen Liebe Ulay wird ganz im Sinne einer Reality-TV-Show als große Love-Story inszeniert. Performance Kunst ist im Unterhaltungskino von Hollywood angekommen und ist längst nicht mehr von Pop zu trennen. Daraus ist weder eine Aufwertung von Pop, noch eine Abwertung der Performance Kunst zu schlussfolgern. Vielmehr gilt zu hinterfragen warum Popmusik nicht unter dem Begriff der Postmoderne verhandelt wird, wo doch die Performance wichtigstes Ausdrucksmittel von Popmusik ist. Lady Gaga nennt es „Artpop“ und liefert den Begriff den die Wissenschaft, geblendet von hinfälligen Einteilungen in E- und U-Musik, versäumt hat zu suchen. Popmusik darf nicht länger als Unterhaltungsmusik aus der Musik- und Kunstgeschichtsschreibung ausgegrenzt werden. Popmusik ist als Performance Kunst neben Popart anzusiedeln und sollte unter dem Oberbegriff Artpop verhandelt werden.