„Ich muss was gegen das Nichtstun tun. Denn das Nichtstun tut mir gar nicht gut“ (Balbina „Nichtstun“), also schreib ich auf, was ich denk, wenn ich deutschen Pop höre. Ich denke nicht, ich denk. Da geht einiges. Gott sei Dank. Vorbei die Zeiten der leeren, unseligen Weisheiten. Ich würde behaupten, dass die Songs, die der qualitative Pop aktuell hervorbringt, alle einer Generation von Songwritern entspringen, die der generation y angehören. Marteria stellt fest „Alle haben ’nen Job – ich hab Langeweile! Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern“ (Marteria „Kids“), so ist das jetzt im Block, wo die Generation Z heranwächst.
Die Generation Why, aufgewachsen im materiellen Überfluss, jedoch noch in Zeiten ohne Internet oder Handy, hat durch den Taumel der Beschleunigung (vom Telmi zum Smartphone, von ICQ zu what’s app, von der CD-Rom zum Streamen) scheinbar völlig den Orientierungssinn verloren und sucht nun online, im Meer der Popkultur, mit einer leeren Coca-Cola-Dose in der einen, dem flachen iPad in der anderen Hand verzweifelt nach dem passenden Outfit, das im Mainstream der zur Schau getragenen Individualität, das sinnentleerte Ich, hip wie einen Star präsentiert. Es ist die Generation der Flashmobs, die Generation, die ihre überschüssige Energie in gewaltigen Spaß-Aktionen verpuffen lässt. Nicht etwa wie der Smartmob, der politische Aktionen bezweckt. Die anonyme Masse verabredet sich online, trifft sich, ohne sich zu kennen, führt eine Aktion durch, ohne sich im Anschluss daran kennenzulernen. So trifft man zusammen, ohne sich wirklich treffen zu müssen, denn das ‚Sich-Treffen‘ findet in den Social Media-Plattformen statt, für die man dokumentiert hat: „froh dabei zu sein“ (Phillipp Poisel “froh dabei zu sein”). Dabeisein ist alles. Es ist eine Art sozialer Druck, der mit dem yolo-Prinzip verbunden wird: You only live once. So macht es die generation y, „feiern hard, fallen weich, auf die lila Wolken“ (Marteria, Yash, Miss Platnum „Lila Wolken“). Es sind die lila Wolken des materiellen Luxus, bis in die frühen Morgenstunden zu feiern, der Luxus, der es erlaubt, Traumschlösser „in the sky and in the sand” (Paul Kalkbrenner „sky and sand“) zu malen und sich zu versichern, „Baby bitte mach dir niemehr Sorgen um Geld, Gib mir nur deine Hand ich kauf dir morgen die Welt“ (Cro „Einmal um die Welt“). Es ist der Überfluss an Möglichkeiten, sei es auf Beruf, Beziehung oder Freizeit und Feierangebot bezogen, der ein Gefühl des Schwebezustands erreicht, der immer wieder durch das Fliegen thematisiert wird. Dating-Apps und Partnerbörsen im Internet boomen, die generation y dated wie verrückt, doch warum sich binden, wenn das Single-Leben so viele Alternativen bietet und Sex keine Voraussetzung für eine Beziehung ist? Die Berufswahl fällt schwer, wie in dem Film „oh boy“ irrt man umher, suchend, ohne zu wissen, was man eigentlich sucht. Doch nicht nur in der eigenen Stadt sucht man vergebens nach dem Sinn des Lebens. Die Flüge durch Europa zum Spottpreis ermöglichen es, mal eben in die Großstädte zu fliegen, zum Abfeiern. Auch das Erasmus-Auslandssemester ist bekannt für gute Partys, Spaß und Sex. Man fliegt nicht nach Brasilien, um den Regenwald zu retten, ist nicht ambitioniert, um die Hungersnot in Afrika zu bekämpfen. Man hat sein Freiwilliges Soziales Jahr schon hinter sich und befindet sich nun im nicht abreißenden Stress des Socializing und digitalen Kommunizierens. Man sagt sich zum Spaß, „Muss nur noch kurz die Welt retten, danach flieg ich zu dir. Noch 148 Mails checken, wer weiß, was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel“ (Tim Bendzko „Nur noch kurz die Welt retten“). Und es passiert ständig was. Private Veranstaltungen sagt man nie fest zu, denn die Stadt schläft nicht, und es besteht immer die Möglichkeit, dass doch noch ein besserer Event stattfindet. So schlurft die generation y von Party zu Event und versucht verzweifelt, „Halt, wir sprinten in den Stillstand“ zu rufen, doch anstatt anzuhalten, eilt sie weiter, tatenlos und geplagt von der Frage, „warum werden wir nicht langsamer“ (Balbina „Langsamer“), wohlwissend, dass „langsam, mehr“ bedeutet, wohlwissend, das auch das eigene Leben die eigene „Geschichte schnell verflogen“ (Amewu „Demut“) ist. Sobald der Stillstand des Überflusses, der Stillstand der Eile und des Stresses, unerträglich wird, bricht man alle Zelte ab, flieht eilig davon und träumt sich in den Fliegemodus: „Egal wohin du willst, wir fliegen um die Welt, Hau’n sofort wieder ab, wenn es dir hier nicht gefällt“ (Cro „Einmal um die Welt“). Zum Feiern fliegt man in die Großstadt, zum Verdrängen des Alltags reicht die Bar mit den Wohnzimmermöbeln. Dort, wo kein Stuhl dem anderen gleicht, dort, wo das Sofa vom Sperrmüll und das Bier überteuert die Szene bejaht, dorthin zieht man sich zurück in eine Welt „ain’t no body understand”. Aber „As long as we are flyin’” (Kalkbrenner „sky and sand“) sagt sie sich, die GY-Pop, endet die Welt nicht, endet das Leben nicht, dreht sich alles endlos weiter in dem Rausch der Sinnlosigkeit. Die Leere ist ihm egal, der GY-Pop sagt sich: „Wir ziehen nen Wheelie über den Zeitgeist“ (Die Orsons „Papa Willi und der Zeitgeist“), sie bevorzugt die „blaue Pille von Morpheus“ und sagt, „lass mich chillen“ (Die Orsons „Lass uns chillen“). Samy Deluxe bat „weck mich bitte auf aus diesem Albtraum“, der Pessimismus scheint nun allerdings überwunden, denn Samy ist jetzt daddy und „wär so gern dein Superheld“. Doch auch wenn die generation Y scheinbar in Oberflächlichkeit dahin vegetiert, ist der GY-Pop im höchsten Maße selbstkritisch reflektiert. Sie maßt sich zwar nicht an, die Welt zu retten, doch sie erkennt „die Welt ist eine kleine Kugel, Eine Seite leidet, eine Seite jubelt“ (Die Orsons „Lass uns chillen“), und „weiß wie die Erde sich dreht“, wenn sie stereotype Länderassoziationen parodiert. „Ich kenn die Welt, ich habe sie im Fernsehen gesehen.“ (Herr von Grau „Cola“) GY-Pop „produzier[t] nur noch Content für Riesenkonzerne“ kämpft „damit für den Frieden auf Erden nach biblischen Werten“ und fasst es in einem Hashtag zusammen: „#Krieg“. (Die Orsons „What’s goes“) Doch die generation why ist so damit beschäftigt, die eigene Existenz zu hinterfragen, dass sie keine Zeit hat, ernsthaft politisch zu sein. Immer wieder bringt die Ich-Suche des GY-Pop das Ergebnis: „Egal wie tief ich reinschau, da ist nichts da“. (Amewu „Demut“) Es ruft „Kuckuck, ist da jemand da?“  Doch egal, wie tiefsinnig die Frage ist, egal, wie fordernd es ruft: „Siehst du nicht? Das ist tiefsinnig“, wird gerätselt: „unter den ganzen Lagen, lagert da was drunter oder lagern darunter, nur andere Lagen?“ Nie wird das Ich gefühlt, gefunden, gelebt. (Balbina „Kuckuck“)
Die gescheiterte Ich-Suche wird mit Seife weggewischt: „Schwamm drüber ich wisch das schnell weg“ (Balbina und Maeckes „Seife“) oder mit Farbe eines Tuschkastens übermalt. Demütig wird der Moment des Sonnenaufgangs gepriesen, um die lila Wolken für immer festhalten zu können. Denn „manchmal scheint die Welt verrückt verkommen und krank, doch du kannst das ändern beim nächsten Sonnenaufgang.“ Genutzt wird der GY-Pop als Therapie, denn „dieser Song ist unsere Therapie, lass uns mit den Sorgen Schluss machen und Farbe in unser Leben lassen, wie ein Tuschkasten.“ (Gris „Tuschkasten“)

GY-Pop is my therapy