8963208202_af2095bfe9_mText: CF Faust
Sprayer: Unbekannt

Bei dem Skateplatz am Rhein. Dort hat alles angefangen. Später sagtest du einmal, du hättest dich danach gar nicht mehr an mein Gesicht erinnern können. Es stimmt. Heute scheint es mir auch, als ob sich alle Gesichter in meinen Erinnerungen verwischen. Es ist ein unheimliches Gefühl. Aber ich weiß noch, dass an diesem Tag die Sonne geschienen hat. Es war ein glücklicher Tag. Für uns beide. Es war schön, wie wir uns da an diesem sonnigen Platz kennenlernten. Es war, als sei die Sonne glücklich gewesen. Sie muss glücklich gewesen sein. Denn sie bescherte uns einen so glücklichen Tag. Kinder waren auf dem Park. Mit dem Skateboard, mit dem BMX Rad. Basketball wurde gespielt. Viele Leute gingen am Ufer spazieren. Dort. In der Sonne. Und mittendrin, da waren wir. Heute scheint es mir eine Ewigkeit her. Waren wir Kinder? Ich glaube nicht. Was machten wir dann an diesem Ort, der doch eigentlich einer für Kinder ist? Du sagst, wir schauten den Kindern nur zu. Wurden wir einander vorgestellt? Nein. Ich weiß es besser. Dass du dich aber auch an gar nichts mehr erinnern kannst. Nicht mal an mein Gesicht erinnerst du dich. Aber du wusstest noch, dass ich meine Haare offen trug. Aber das ist auch nichts Besonderes. Wir kamen also ins Gespräch. Denn ich saß dort und schaute den Kindern zu. Und du kamst vorbei und erblicktest mich. Und dann sprachst du mich an. Es war sonnig. Es war ein Sonnentag. Es war sonnig an dem Tag, an dem du mich angesprochen hast, ohne, dass du mich kanntest. Das war mutig von dir. Aber vielleicht war das auch einfach nur eine Masche von dir. Ich weiß es im Nachhinein nicht. Ich weiß auch nicht, wen du sonst noch angsprochen hast. Am Rhein. Als die Sonne mal schien. Für mich fühlte es sich einmalig an. Aber für mich fühlte sich vieles anders an. Ein Kind war beim Skateboardfahren gestürzt. Doch in der Nähe spielten andere Basketball. Ein Mann kam dem Jungen zu Hilfe. Das war sehr nett von ihm. Wir kamen ihm nicht zu Hilfe. Ich erinnere mich nicht mehr genau, warum wir ihm nicht zu Hilfe kamen. Ich glaube, wir waren zu sehr mit uns selbst beschäftigt. Ich weiß noch genau, wie der Schatten des Baumes auf mich fiel. Langsam schwang er hin und her, der Schatten des Baumes. Der Schatten der Blätter. Er ergab ein schönes Schattenspiel. Ich erinnere mich noch genau an diesen Schatten. An das Kind, dass sich beim Skateboardfahren verletzte, erinnere ich mich nicht mehr. Heute kann ich nur noch erzählen, wie ich das Ganze erlebte. Wie du es erlebtest, weiß ich nicht genau. Denn wir machten viele Witze darüber, wenn wir davon erzählten. Meine Freundinnen waren eifersüchtig darauf, wie wir uns kennengelernt hatten. Ich denke, mir gefiel das. Denn nicht viele Paare lernen sich kennen, an einem Tag mit so viel Sonne. Doch im Nachhinein hatte ich immer das Gefühl, dass es noch viele andere solche sonnigen Tage gegeben hatte. Sonnentage, von denen ich nichts wusste. Die ich nicht kannte. Die ich nicht mochte. Dabei mochte ich doch die Sonne sehr. Heute gehe ich oft am Rhein spazieren. Ich mag es sehr gerne, am Rhein spazieren zu gehen. Der Fluss trägt meine Sorgen dann mit sich fort. Es ist sehr gesund, am Rhein zu gehen. Vor allem wenn die Sonne scheint. Auch an diesem kleinen Skatepark gehe ich oft vorbei. Immer, wenn ich daran vorbeigehe, sehe ich mich dort stehen, so, wie ich damals dort gestanden habe, als du mich angesprochen hast. Warum nur standen wir hier? Warum setzten wir uns nicht? Es war ja keine Bank in der Nähe. Noch heute ärgere ich mich darüber. Warum hier nur keine Bank in der Nähe ist. Nur die bei den Basketball-Plätzen. Doch die war damals besetzt. Damals. Als ich dort anhielt, um dem Schatten auf dem Skateplatz zuzusehen. Heute, wenn ich an diesem Platz vorbeilaufe und die Sonne scheint, dann ist der Platz fast immer besetzt. Ich traue mich dann nie, dort anzuhalten. Mich dort auf die Bank zu setzen, hieße, Interesse an dem Spiel zu zeigen. Ich zeige nicht gerne Interesse. Ich beobachte lieber versteckt, sodass man es nicht merkt, dass ich beobachte. So merkt man nicht, dass ich Interesse habe. Damals blieb ich mitten auf dem Weg stehen. Ohne mich hinzusetzen. Es war ja auch keine Bank da. Und doch blieb ich stehen. Ich zeigte Interesse. Dann sprachst du mich an. Du hast mich nur angesprochen, weil ich dort stand und Interesse zeigte. Hätte ich nicht dort Halt gemacht, hättest du mich nicht angesprochen. Heute vermeide ich es, stehen zu bleiben, wenn ich am Rhein spazieren gehe. Manchmal setze ich mich hin. Wenn ich eine Bank finde, die ein wenig versteckt ist. Eine Bank, von der ich unbeboachtet Interesse zeigen kann. Ich muss dann allerdings doch öfters an diesem kleinen Park vorbeilaufen. Und dann erinnere ich mich, wie wir dort beide gestanden haben. Und immer wenn ich daran vorbeilaufe, wenn ich an uns vorbeilaufe, wie wir dort nebeneinander stehen, dann höre ich, wie ein Junge auf einem Skateboard stürzt und sich verletzt. Ich höre den Jungen immer wieder, wenn ich an dem kleinen Park vorbeilaufe. Aber ich sehe ihn nicht.