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(Sprayer: Unbekannt, Text: CF Faust)

Weißt du, ich möchte dieses Bild hier von mir, dir widmen. Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich dir sehr ähnlich bin. Ich kann es nicht genau erklären, aber ich habe einfach so ein Gefühl, dass es so ist. Ich habe dich nicht gekannt. Ich habe dich nie wirklich gekannt. Nur so, wie man sich eben kennt in Mainz. So wie sich die Leute eben kennen, die hier aufwachsen. So in etwa kannten wir uns. Man sieht sich. Aber man redet nicht viel. Vielleicht waren wir einmal wie Arbeitskollegen. Das mag sein. Oft habe ich dich beim Sport-Machen gesehen. Wenn ich auch Sport machte. Du warst ein sehr hübsches Mädchen. Du warst eine sehr attraktive Frau. Und du warst sehr sympathisch. Ich denke, wir haben einige Male miteinander gesprochen. Und trotzdem weiß ich nicht viel über dich. Aber ich weiß, dass du viele Brüder hattest. Und ich weiß, dass du eine gute Schwester warst. Du hast deiner Mutter sehr geholfen, mit den vielen Brüdern. Ich habe dich sehr bewundert, weil du eine so gute Schwester warst. Deine Mutter war sicher sehr stolz auf dich. Das kann ich mir vorstellen. Das war sie mit Sicherheit. Das weiß ich. Und dein Vater. Für ihn warst du die einzige Tochter. Du warst sehr wichtig für ihn. Ich weiß nicht, woher es kommt, dieses Gefühl, dass ich dir ähnlich sein könnte. Sicherlich bist du viel hübscher als ich. Oder ganz anders hübsch. Vielleicht siehst du auch ganz anders aus als ich . Ich nehme mich selbst nicht so richtig wahr. Deshalb will ich versuchen, dir das Gefühl zu beschreiben. Es ist, als ob ich mich dir ein wenig verbunden fühlte. Denn ich glaube, du hast dich auch sehr einsam gefühlt. So wie ich mich manchmal einsam fühle. Aber es ist diese Art von Einsamkeit, für die niemand etwas kann. Es ist niemand Schuld daran, dass man sich einsam fühlt. Es ist einfach manchmal so in einem drin. Die Einsamkeit. Ich glaube, wir sind uns auch so ähnlich, weil wir beide vom Typ her so blass sind. Ich glaube, das ist so eine Art von Melancholie, die einen so blass macht, manchmal. Ich glaube, du hast deine Melancholie gerne überschminkt. Wie du es auch machtest mit deiner Melancholie, du warst immer bildhübsch. Ich war so traurig, als ich hörte, dass du gestorben bist. Du warst so jung. Und manchmal, da begreife ich nicht ganz, wie das sein kann, dass du so viele Brüder zurückgelassen hast, manchmal begreife ich nicht, warum du gehen musstest. Dann suche ich nach einem Grund. Einem Grund dafür, dass du nicht mehr bist. Und dann versuche ich mich an das zu erinnern, was ich über dich weiß. Es ist so wenig. Das macht mich so wütend. Ja, wütend. Denn sicherlich, hätte es so viel gegeben, dass über dich zu wissen ist. Und nun suche ich nach einem Grund für deinen Tod, dabei gibt es dafür gar keinen Grund. Vielleicht hattest du einfach nur ein schwaches Herz. Ich glaube das nicht. So wie ich dich immer gesehen habe, hattest du immer ein sehr starkes Herz. Du warst sehr stark. Und ich glaube, wenn du jemanden geliebt hast, dann hast du es sehr stark getan. Denn du konntest sehr stark lieben. So wie du deine Familie sehr stark geliebt hast. Ich glaube, du warst nicht in einer festen Beziehung. Aber das weiß ich nicht genau. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass du gerne geheiratet hättest. Und das hättest du auch getan. Wenn du länger am Leben geblieben wärest. Aber dann kam der Tod. Ganz überraschend. Du hattest noch so viele Pläne. Ich finde es unfair, dass du gehen musstest. Es ist grausam und unfair. Und manchmal zweifle ich deswegen an Gott. Aber ich glaube, dass er dich zu sich geholt hat, weil es dir dort, wo du jetzt bist, besser geht. Mir ist es ein wenig unangenehm, so offen zu dir zu reden. Aber ich weiß, dass du den Glauben an Gott mit mir gemeinsam hattest. Ich weiß das. Obwohl wir uns nie richtig gekannt haben. Ich wünschte, ich hätte dich kennenlernen können. Es zerreißt mir das Herz, wenn ich an deine Familie denke. Diese Trauer. Die Trauer um das eigene Kind. Ein Kind zu verlieren. Es ist schrecklich. Und ich wünschte, ich könnte diese Trauer mittragen, damit sie für deine Eltern nicht so schwer ist. Weißt du, ich denke, ich fühle mich dir so verbunden, weil ich auch hier bin, ohne wirklich da zu sein, so wie du. Du bist hier überall in dieser Stadt. Überall ist dein Bild, und es erinnert an dich. So wie ich hier stehe, so standest du auch hier. Du gingst durch die Straßen wie alle anderen Menschen, die hier leben und arbeiten. Doch nun, doch nun hat diese Stadt einen so lieben Menschen wie dich weniger. Es macht mich so traurig. Aber ich möchte dir ein Trost sein. Ich möchte deiner Familie ein Trost sein, deiner Familie, die dich verloren hat. Deshalb möchte ich dir sagen, dass ich hier bin, wegen dir. Weil du mich an mich erinnerst, bin ich hier für dich, an deiner Stelle. Und ich will, dass es die ganze Welt weiß, dass hier an dieser Stelle, hier, wo ich bin, eigentlich du bist. Ich bin nur ein Bild, das an dich erinnert. Denn ich bin hier für dich, um an dich zu erinnern. Denn du warst einmal hier, du bist durch diese Straßen gelaufen, hast hier gelacht, hast hier geweint, hast hier gelebt. Deshalb soll mein Bild an dich erinnern. Damit Mainz dich nicht vergisst, bin ich hier, um an dich zu erinnern. Ich wünsche mir, dass deine Familie wieder glücklich sein kann. Obwohl du gestorben bist. Vielleicht hat deine Familie Angst, dass sie nun nicht mehr glücklich sein darf, jetzt wo du weg bist. Deshalb bin ich hier. Das traurige Mädchen, das bin ich. Ich trage die Traurigkeit deiner Familie mit. Damit deine Familie wieder Kraft finden kann, glücklich zu sein. Sie sollen sie bei mir ablegen, ihre Traurigkeit. Sie sollen mein Bild anschauen und sagen können, ja, du bist für uns traurig, damit wir wieder Lebensmut fassen könnnen. Denn deine Familie muss Lebensmut finden. Deine Brüder sollen wieder fröhlich sein können. Und das werden sie auch. Denn ich bin hier für ihre Traurigkeit. Ich trage sie. Ich erinnere sie. Ich will aber auch an die Freude erinnern, die du für alle warst. Denn du warst eine Freude. Du warst sehr humorvoll. Du warst schön, wenn du gelacht hast. Und wenn man mein Bild erblickt, dann wird man sich an dieses schöne Mädchen erinnern, wie du es warst, und dann wird man sich erinnern, dass du hier gelebt hast, und dass dein Gehen viele Menschen traurig gemacht hat. Dann wird man mein Bild anschauen und sagen, sie ist aber nicht ganz und gar weg. Denn ihre Erinnung ist immer noch da. Hier in dieser Stadt ist sie da. Und wenn sich auch die Menschen nicht mehr erinnern sollten, diese Stadt wird sich erinnern. Denn diese Stadt hat ein Gedächtnis. Und vielleicht bin ich dieses Gedächtnis, denn ich werde alle, die an mir vorbeilaufen, immer an dich erinnern. Auch wenn es mich an dieser Stelle hier nicht mehr geben sollte. Wenn ich längst übermalt worden bin oder wenn ich ganz grau geworden bin, von dem Schmutz der Stadt, das macht nichts. Dafür gibt es ja dieses Foto von mir. Es wird mich immer geben. Auf den Straßen, an den Wänden, auf den Bildern in digitalen Räumen, auf den Bildern im eigenen Album. Überall dort wird es mich geben. Weil es dich dort auch gibt. Vor allem aber bin ich im Herzen dieser Stadt. So wie du es immer sein wirst. Denn die Augen dieser Stadt haben mich gesehen. So wie ich dich gesehen habe, obwohl wir uns nicht kannten. Diese Stadt wird dich nie vergessen. Denn es gab dich. Es gab dich und du warst wertgeschätzt. Doch dort, wo du jetzt bist, geht es dir besser.