IMAG0266Mainz, Josefsstraße

(Sprayer: Unbekannt, Text: CF Faust)

Das Problem war auch, dass du mich nur von der einen Seite sehen konntest. Als ich merkte, dass du dich nicht umdrehtest, als ich merkte, dass du hinter der Ecke verschwinden würdest, ohne zurückzukommen, hatte ich die Hoffnung, dass du einmal um den Block laufen würdest. Dann würdest du quasi von hinten wieder auf mich zukommen. Das wäre schön. Wenn du von hinten auf mich zukommen würdest. Dann würdest du auf meine Schulter klopfen und ich würde mich umdrehen, vielleicht würde ich auch erschrecken, aber ich würde mich auf jeden Fall umdrehen. Und dann wärst du wieder da, bei mir, dann wärst du von hinten wieder in mein Leben getreten, und vielleicht hätte dann wieder alles angefangen, so wie es damals mit uns angefangen hat. Wie hat es eigentlich angefangen? Für den Fall, dass du von hinten noch einmal auf mich zukommst, warte ich auch an dieser Ecke, ok? Ich warte einfach an der anderen Seite dieser Garage, dann sehe ich dich, falls du einmal um den Block gelaufen kommst, um von hinten auf mich zuzugehen. Ich ziehe speziell dafür mein buntes Kleid an. Das pinke mit den gelben Dreiecken. Es sind doch deine Lieblingsfarben. Nur die schreckliche Frisur lasse ich weg. Bitte sei mir darum nicht böse. Aber ich mochte sie nie, diese Frisur. Und ich mochte es auch nicht, dass sie dich an eine bekannte Sängerin erinnerte, eine, die doch längst gegangen war. Es war dann immer so, als ob ich für dich auch schon längst gegangen war. Und diese Frisur hat immer so viel Arbeit gemacht. Wenn ich hier an dieser Seite der Garage auf dich warte, dann lasse ich mein Pony so zackig ins Gesicht hängen. Das mag ich. Wenn mein Pony zackig in mein Gesicht hängt. Dann ist es so, als ob ich selbst bestimmte, wie ich aussehe. Dann ist es meine Entscheidung so auszusehen. Es macht mich ein bisschen traurig, dass du bisher noch nicht gekommen bist, um von hinten auf mich zuzugehen. Denn von hier aus, hätte ich dich bestimmt gesehen. Von hier aus, wäre ich nicht erschreckt, wenn du mir von hinten auf die Schulter geklopft hättest. Aber ein bisschen Angst habe ich schon, wenn ich hier stehe. Da vorne, dort auf der Ecke, dort wo du mich einfach so hast stehen lassen, dort hatte ich ja irgendwie ein Recht zu stehen. Es gab einen Grund, weshalb ich dort stand, ich durfte dort stehen, ich hatte eine Stehgenehmigung, durch dich, oder? Aber hier, hier, wo ich dir geradezu auflauere, hier, wo du mich nicht von hinten erschrecken kannst, hier verteilen sich die Rollen, denn hier könnte ich dich erschrecken. Ich fühle mich schlecht bei dem Gedanken, dich erschrecken zu können. Ich fühle mich schlecht dabei, hier zu stehen. Ich bin froh, dass dieser Zaun vor mir ist. So kann ich mich ein wenig mehr verstecken. Ich verstecke mich ja nicht vor dir, du sollst mich ja sehen, deshalb ja das bunte Kleid, nein, ich verstecke mich vor mir selbst. Ja. So ist es. Ich verstecke mich vor mir selbst. Ich verstecke mich vor meinem Mut, dich erschrecken zu können, wenn du mir von hinten auf die Schulter klopfen kommst. Ich verstecke mich vor meinem Gedanken, dass du auf die Idee kommen könntest, einmal um den Block zu laufen, nur um mich dann von hinten wieder einzuholen. Ich verstecke mich davor. Ich hoffe darauf, dass das Gebüsch ein wenig höher wächst, damit ich mich noch besser verstecken kann. Denn ich verstecke mich ja vor der Vergangenheit, die mich da von hinten wieder einholen könnte. Stell dir vor, du würdest da mit deinem Klopfen auf meine Schulter alles wieder aufrollen. All die Jahre. Beendet durch ein Um-die-Ecke-Gehen, wieder aufgewühlt durch ein Um-den-Block-Gehen. Bei dem Gedanken werd ich ganz blass. Ich kriege Angst und versuche meinen Körper weiter von der Straße wegzuziehen. Ich glaube, ich bin vor allem hier, um aufzupassen. Aufzupassen, dass du nicht wieder von hinten auf mich zukommst. Aufzupassen, dass nicht wieder alles von vorne anfängt. Ja, ich denke so ist es.