8963230486_8e11e92857_mMainz, Weintorstraße

(Sprayer: Unbekannt, Text: CF Faust)

Ich weiß noch, wie wir uns dann das erste Mal verabredeten. Du hattest damals am Rhein nach meiner Telefonnummer gefragt. Doch ich wollte sie dir nicht geben. Das hat dich beeindruckt, glaube ich. Ich war sehr stolz, dir nicht meine Nummer direkt gegeben zu haben. Wir hatten uns damals am Rhein viel zu erzählen. Und das obwohl wir uns gerade erst kennengelernt hatten. So schlenderten wir einfach so am Wasser entlang und redeten viel. Schließlich hast du mich nach Hause gebracht. So viel Vertrauen hatte ich dann doch zu dir geschlossen. In der kurzen Zeit. Du brachtest mich nach Hause, ohne dass ich dir meine Nummer gab. Eine Woche später, hattest du mir dann einen Brief in den Briefkasten geworfen. Ich hatte viel an dich gedacht. Ich hatte es bereut, dir nicht meine Nummer gegeben zu haben. Ich war sehr glücklich über deine Nachricht. Du hattest eine Tüte vom Bäcker benutzt. Du hattest auf die Tüte deine Nummer geschrieben. Und deinen Namen. Und, dass du gerne erneut mit mir am Rhein spazieren wolltest. Das alles hattest du geschrieben. Die Bäckertüte war ein wenig schmutzig. Sicherlich, hattest du zuvor etwas daraus gegessen. Aber die Tüte war zusammengefaltet. Sie war zusammengefaltet und zum Schluss war sie mit einer Sicherheitsnadel zusammengeheftet worden. Es war sehr schön gemacht. Eine Sicherheitsnadel. Es wäre nicht nötig gewesen. Aber es war sehr schön zurechtgemacht. Ich schrieb dir. Ich schrieb dir sehr schnell. Ich hielt es nicht aus zu warten. Ich war immer schon sehr ungeduldig. Dann trafen wir uns. Und wir gingen spazieren. So hatten wir uns ja auch kennengelernt. Spazierend. Es redet sich gut beim Laufen. Manchmal. Manchmal bringt es das Gespräch in Gang. So wie es auch die Beine in Gang bringt. Das Laufen. Es war sehr romantisch. Ich hatte mich sehr auf das Treffen gefreut. Ich hatte einen gelb-schwarz gestrickten Pullover an. Es waren Streifen. Gelb-schwarze Streifen. Meine Haare hatte ich ein wenig gelockt. Ich hatte damals schon begonnen, sie in Form zu bringen, sodass sie ein wenig abstanden. Meine Haare. Du sagtest, es gefiele dir sehr gut. Eigentlich habe ich glatte Haare. Aber dir gefielen die Locken gut. Wir liefen diesmal durch die Stadt. Wir schlenderten. Gemütlich. Da gelangten wir zu den kleinen Gässchen hinter dem Dom. Und dort, als der Dom uns im Rücken lag, entdeckten wir einen kleinen Automaten an einer Wand. Einen Kaugummiautomaten. Einen kleinen Kasten an der Wand. Man konnte dort ein Geldstück hineinwerden. Dann musste man an einem Hebel drehen. Und dann, hatte man an dem Hebel gedreht, dann kam da etwas herausgekullert. Ein Kaugummi. Aus einem Automaten. Das war ein sehr alter Kasten. Der Kasten, dort in der Weintorstraße. Den Dom im Rücken standen wir vor ihm. Vor dem Kasten. Wie wir uns da an unsere Kindheit erinnerten. Gemeinsam erinnerten wir uns an unsere Kindheit. Die Kindheit, die wir ja nicht zusammen erlebt hatten. Von der wir aber ähnliche Erinnerungen hatten. Wie diesen Kaugummiautomaten. Wir beide erinnerten uns an einen Kaugummiautomaten. Und wie wir davor gestanden hatten. Mit dem ersten Taschengeld. Einer D-Mark. Einer Deutschen Mark. Das war heute doch unvorstellbar. Vor diesem Automaten zu stehen. Das eigene Geld einzuwerfen. Und dann einen Kaugummi zu ziehen. Von dem eigenen Geld. Sich dafür entscheidend. Ich kaufe etwas. Damals kaufte ich etwas zum ersten Mal. Du auch. Wir beide kauften an einem solchen Automaten etwas zum ersten Mal. Das war ein tolles Gefühl. Alles, was wir heute waren, begannen wir damals zu sein. Wir teilten diesen Moment, als wir gemeinsam, den Dom im Rücken, vor diesem Automaten standen. Wir wunderten uns, dass es solche Automaten noch gab. Denn sie waren uns so lange nicht mehr aufgefallen. Warum waren sie uns so lange nicht mehr aufgefallen? Und wieso fielen sie uns gerade jetzt, da wir zusammen waren, wieder auf? Als wir dort gemeinsam, den Dom im Rücken, standen, da hielt die Zeit an. Die Zeit hielt an und ließ eine Vergangenheit aufblitzen. Eine vergangene Kindheit blitzte da auf. Wir waren keine Kinder mehr gewesen, als wir uns kennenlernten. Wir hatten unsere Kindheit bereits vergessen, damals, als wir dort vor dem Automaten standen. Wir hatten sie vergessen und nur deshalb, konnte sie in dem Moment, in dem wir, den Dom im Rücken, dort standen, wieder vor uns aufblitzen. Damals als Kinder, wussten wir nicht, dass wir zum ersten Mal den Konsum kennenlernten. Das Kaufen eines Kaugummis. Das Ausgeben des ersten Geldes. Damals, stießen wir die Tür zur Welt der Erwachsenen ein Stück weit auf mit unserem Konsum. Als wir dann zusammen, den Dom im Rücken, vor diesem Automat standen, da dachten wir über den Konsum nach. Und darüber, wie er uns verändert hat. Doch wir sahen in ihm keinen Feind. In dem Konsum. Er war ja auch kein Feind. Für uns war er keiner. Damals. Als wir den Dom im Rücken vor dem Automaten standen. Für uns war er ein Tor zu unserer Kindheit, dass sich öffnete, in dem Moment, in dem wir die Erinnerung zuließen. Du hattest Geld dabei. Einen Euro. Ein Cent-Stück. Ich weiß es nicht mehr genau. Es scheint eine Ewigkeit her zu sein. Es ist so viel Zeit vergangen, seitdem du vor dem Automaten, den Dom im Rücken, das Geldstück einwarfst, und an dem Hebel drehtest. Es scheint eine ganze Jugend lang her zu sein, als du den kleinen Ball öffnetest, der aus dem Automaten gekullert kam, sobald du an dem Hebel gedreht hattest. Waren wir damals Jugendliche? Ich glaube nicht. Denn damals hatten wir es längst vergessen, wie es war, als wir Jugendliche waren. So wie wir ja auch vergessen hatten, wie unsere Kindheit gewesen war. Der Kaugummi in dem kleinen Bällchen, der aus dem Automaten gekulltert kam, erinnerte uns an unsere Kindheit. Ich steckte ihn ein. Obwohl ich Kaugummis eigentlich nicht mochte.